gerecht sein und nicht lügen

da es momentan 73 Beiträge hier sind und ich die 3 in Komischorange sehe und überhaupt 3 komisch ist und mir jetzt dauernd im Kopf rumtanzt braucht es noch einen Beitrag. Zur Zeit geht mir eine große Ungerechtigkeit, die leider auch mit Lügen verbunden ist, sehr nahe.

gerecht sein und nicht lügen – ja so sollen alle Menschen sein, wird einem schon als Kind so beigebracht. Erfolgreich?

Ich würde sagen nein.

Vllt. auch weil es meist ganz anders vorgelebt wird.

Ungerechtigkeit und Unwahrheit finde ich nahezu unerträglich. Dabei ist es egal ob es mir „passiert“ oder anderen, es geht da auch soweit, dass ich Nachteile haben kann, wie beispielsweise in einer Klausur in der Schule wo ein Fehler von mir übersehen wurde und ich es sagte, ich bekam dann eine Note schlechter. Ungerechtigkeit löst bei mir wirklich körperliche Reaktionen aus und laugen mich aus. Je weniger die Person die die Ungerechtigkeit / Unwahrheit verursacht hat Einsehen zeigt oder so etwas, desto mehr habe ich den Eindruck, evtl. schon fast eine Art Hilflosigkeit die daraus resultiert oder Ohnmacht etwas zu ändern bzw. ändern zu können in irgendeiner Art und Weise, evtl. wenigstens für die die nach mir kommen.

Das die Welt nicht gerecht und ehrlich zu geht wird den meisten recht schnell klar sein denke ich. Ok, mir nicht ganz so schnell weil ich erst wirklich viel geglaubt habe da ich mir lange nicht vorstellen konnte dass jemand Dinge erfindet oder so.

Die Frage ist was man draus macht, also aus dieser Welt. Ich traf zwar auch auf Autisten wo ich diesbezüglich ein komisches Gefühl hatte, aber dennoch habe ich den Eindruck die Mehrheit der Autisten hat ein sehr stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Ähnlich dem Lügen bzw. starkes Wahrheitsempfinden/Verlangen. Ganz davon abgesehen, dass man sich echt viel merken müsste was man alles erzählt hat etc. ist lügen einfach nicht ok. Was resultiert denn daraus? Man weiß eigentlich gar nicht mehr ob die andere Person jetzt schon wieder lügt oder grad mal die Wahrheit erzählt. Das ist extreme Unsicherheit und kein gutes Gefühl um Vertrauen auf zu bauen. Kleinen (und großen) Autisten könnte man dies wirklich erklären bzw. sollte dringend. Ich habe das lange nicht verstanden, dass es offenbar für viele einfach „dazu gehört“ zu lügen. Und das deutlich häufiger als viele sagen (oder ihnen bewusst ist?) und während sie parallel erzählen „man soll nicht lügen“. Also selbst nicht an die Regel halten das ist sehr verwirrend und auch beängstigend. Sicherheit ist sehr wichtig, v.a. als Kind, in einer unberechenbaren Welt sind Ungerechtigkeit und Lügen etwas was die Welt noch angsteinflößender machen kann. Auf welche Aussage kann man sich verlassen? Wenn Gerechtigkeit im Kleinen nicht funktioniert funktioniert sie dann im Großen? Ich hatte nach Tschernobyl lange Zeit Angst vor einem Atomkrieg mit ganz üblen Albträumen, ein Teil der Erklärung warum ist, dass ich echt nicht sicher war ob die Leute alle es wirklich so meinten wenn sie sagen es gäbe keinen, schließlich gab es schon viele Kriege und dauernd sagt quasi jeder er will keinen, was soll man da denken mit 6 Jahren…

Ich habe das ganz lange nicht verstanden und tue es in sehr vielen Bereichen bis heute nicht. Warum muss jemand eine Geschichte „größer“ machen als sie war? Ist die Person so unsicher und denkt sie bekommt mehr Aufmerksamkeit? Warum sagt sie nicht „ich möchte gern mehr Aufmerksamkeit“? Warum sagen Leute sie hätten etwas getan obwohl sie es nicht haben? Jeder vergisst mal was, ja doof aber passiert. JEDEM. Warum gehen manche „mit Ellenbogen“ vor ohne Rücksicht oder gerecht handeln? Wollt ihr denn nicht auch gerecht behandelt werden? Und für Leistung belohnt und nicht für Ellenbogenlänge? Warum streiten manche Dinge ab die sie getan haben? Keine Verantwortung für Fehler übernehmen? Nicht aus Fehlern lernen? Ich finde Fehler zwar schade aber nicht so schlimm wie Fehler nicht zu sehen/sehen wollen und nicht zu lernen. So gibt es ganz viele Beispiele die im ganz Kleinen anfangen, dass man wenn man eine Verabredung hat und einfach zu müde ist dann aus einem anderen Grund absagt. Also mir darf jeder sagen wenn er/sie zu müde ist!

Früher sagte ich immer, also ganz immer, mein ich ernst, die Wahrheit: „das Geschenk gefällt mir nicht“ „keine Lust“ etc. Mittlerweile gibt es davon ganz wenige Ausnahmen muss ich zugeben, manche mögen es als Notlüge bezeichnen, manche als um Wahrheit drum herum schiffen. Beispielsweise jemandem geht es offenbar nicht gut und fragt mich dann ob ihm/ihr der neue Pulli steht. Ich muss nicht sagen du siehst super aus, aber eben auch nicht du siehst scheiße aus, auch wenn es evtl. zutrifft. Mir wurde schon mehrfach gesagt man schätzt das an mir, dass ich ehrlich bin. Ich glaube (und hoffe andere sehen es ebenso) ungerecht war ich noch nie. Ich wurde sogar schon mehrfach zum Schlichten herangezogen weil ich ganz gut neutral von außen eine Sache betrachten kann und trotzdem auch Emotionen beider Seiten einbeziehe.

Auch wenn Autisten manchmal Nachteile davon haben und es meist extrem unangenehm ist, vllt. ist das eine Stärke der meisten Autisten, die die Welt etwas gerechter und wahrer macht und nicht nur deswegen genutzt werden sollte.

Liebe Eltern und Angehörige etc. evtl. seht ihr das nächste Mal auch diesen Teil von „wenn du aus dem Glas vorher getrunken hast mag ich nicht mehr draus trinken weil das nach Rauch riecht“ (das war eine Aussage die meine Mutter verletzte (was mir wirklich Leid tut), da sie sich zurückgewiesen fühlte; es war aber nur die Aussage dass ich den Zigarettenrauch noch riechen konnte (und sie nicht) wenn sie vorher getrunken hatte (und ich auch die Spucke eklig fand), es hatte aber nichts mit ihr als Person zu tun, sondern war nur die ehrliche Antwort auf die Frage warum ich mir ein neues Glas holte).

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Muttersprache

Durch den anderen Text zu „sich verkaufen können“ bin ich auf dieses Thema gekommen. Mich würde auch interessieren wie andere Autisten das fühlen. Ich habe spät angefangen zu sprechen, das war dann schon meist deutsch. Ich muss aber sagen sprachlich bewusst wurde mir vieles erst später (und einiges immer noch nicht) da ich hauptsächlich in Bildern (und Geräuschen und Temperaturen) denke und dann Wörter dazu auswendig lernte um es von meinen Kopfbildern für andere zu übersetzen. Umgekehrt Wörter von anderen in meinem Kopf übersetzen für Verstehbild. Als mir Sprache mehr bewusst wurde hatte ich schon Englisch in der Schule und Verwandtschaft in Spanien wo ich etwas Spanisch hörte las und sprach. Dazu kommt noch Körpersprache von Nichtautisten die ich ja auch lernen musste. Vor dem Spiegel von anderen abgeguckte Dinge üben. Immer wieder. Immer Neues. Manchmal frag ich mich schon ob das Nichtautisten bewusst ist, dass Autisten quasi mind. zweisprachig aufwachsen da sie Körpersprache ja auch immer parallel lernen müssen. Und Körpersprache ist sehr schwer zu lernen, viele Dinge sind ähnlich haben aber unterschiedliche Bedeutungen je nach Person und Situation. Weinen kann Trauer und Freude heißen. Beim Lachen gucken ob Augen mitlachen, sonst könnte „falsches Lachen“ sein. Es ist wichtig wo deine Hände sind, mancher Händeort ist unhöflich. Die Distanz zu anderen Personen hat große Rolle, es gibt zu weit weg und zu dicht. Etc.etc. Das ist schon ziemlich viel! Ich könnte nicht sagen was wirklich meine Muttersprache ist (davon abgesehen dass ich oft mit meinen Vater sprechen geübt habe; hehe kleiner Scherz am rande, meist lernt man aber schon viel Sprache von der Mutter vermutlich weil man im Durchschnitt meist mehr Zeit mit ihr verbringt vermutlich heißt das deswegen muttersprach). Vermutlich würden die meisten sagen trotzdem ist deutsch meine Muttersprache. Viele begründen das damit weil sie zu diesen Sprachen „intuitiven“ Zugang haben. Ich habe das nicht. Zu keiner Sprache. Auch zu Körpersprache nicht. Es ist alles ein bewusstes Handeln, das zwar hab ich den Eindruck mittlerweile nach Jahren üben ab und zu automatisiert abläuft aber da darf dann auch sonst nichts dazwischen kommen. Mittlerweile merkt das vermutlich kaum einer mehr, nuja sagen wir an den meisten Tagen, manchmal fehlen zu viele Wörter und Mimik/Gesten für incognito.

Sich ‚gut verkaufen können‘

Gerade in letzter Zeit sher aber immer wieder mal fällt es mir auf, dass es offenbar sehr wichtig ist sich „gut zu verkaufen“, sprich dass andere erfahren was man alles kann und wie gut man ist. Meine Erfahrung die letzten Jahre zeigt mir eher in die Richtung, dass dies bei Autisten oft nicht so gut klappt. Wenn Autist gefragt wird, sagt sie/er eher etwas in Richtung ja kann ich/kann ich nicht oder auch sie/er weiß es gibt noch viel mehr zu wissen und beschreibt sein/ihr Wissen eher nicht so groß gut wie evtl. ein Nichtautist vergleichbares beschreiben würde.

Als Beispiel Sprachwissen. Ich schreibe im Lebenslauf Englisch sehr gut, aber auch noch nicht lange, vorher habe ich gut geschrieben, gesagt wurde mir ich soll fließend schreiben. Hat mich sehr gewundert da mir ab und zu Wörter fehlen und ich dann kurz überlegen muss zum Umschreiben und das ja dann nicht fließend ist. Erst neulich wieder habe ich jemanden Englisch reden gehört, es war ok, aber ich würde es vermutlich noch nicht einmal als gut bezeichnen, in seinem Lebenslauf den ich durch Zufall sah stand fließend. Ich finde fließend ist schon nahe an muttersprachlich dran und meint wirklich fließend in allen Lebenslagen. Es gibt viele weitere Beispiele. Mir ist bewusst, dass man im Lebenslauf sich „verkauft“ und sich das gut lesen muss. Allerdings finde ich es sehr wichtig, dass das auch wirklich möglichst genau und richtig ist. Ich überlege zum Beispiel auch ob ich Kenntnisse die ich seit Jahren nicht aufgefrischt habe wieder rauslösche da ich vermutlich vieles nicht mehr wirklich weiß bzw. eine Zeit benötigen würde bis ich wieder „drin bin“. Nichtautisten sagten mir dass soll ich nicht tun. Komisch. Mein Versuch einer möglichen Erklärung wäre, dass es Autisten evtl. allgemein sehr wichtig ist möglichst genaue Angaben zu machen und deswegen das sehr vorsichtig formulieren. Auch möchten sie nicht „lügen“ wobei Kenntnisse die man so gar nicht hat für viele evtl. dazu gehören. Ein weiterer Punkt könnte sein, dass sich Autisten schwer einschätzen können, eh schon und mit dazu gehört offenbar auch, dass es anscheinend einen Unterschied macht ob man sich selbst einschätzt oder in Bezug auf andere. Da gibt es dann für diese quasi zwei „richtig“: ich kann etwas gut und ich kann dieses etwas besser als viele andere und kann deswegen schreiben ich kann das sehr gut. Sehr verwirrend! Außerdem kommt bei vielen noch hinzu, dass sie wenn sie etwas erreichen möchten verschiedene Mittel anwenden und damit erfolgreich sind, beispielweise weinen oder sehr vehement sein/“Ellenbogen“ nutzen auch wenn es auf Kosten anderer geht. Also ich möchte lernen mich besser zu verkaufen, aber nicht mit solchen Mitteln.

Bei Kindern ist es ähnlich, beispielweise in der Schule. Ich denke bei mündlichen (Noten) brauche ich gar nicht schreiben dass es da wichtig ist sich gut verkaufen zu können. Aber auch bei Schülern die „auf der Kippe stehen“ zwischen zwei Noten macht der persönliche Eindruck und die Erwartungshaltung der Lehrer leider viel aus. Es gibt beispielsweise eine Studie in der man mit Kindern einen IQ Test gemacht hat. Unabhängig davon wie dieser ausging hat man den Lehrern Rückmeldung gegeben welche Kinder durch ihr gutes Ergebnis wohl besonders von Unterricht profitieren. Und siehe da, am Ende hatten diese bei einem zweiten Test nach einiger Zeit wirklich höhere Werte. Vermutlich allein weil die Lehrer dachten die sind gut sich evtl. intensiver mit ihnen beschäftigt und positiver gesehen haben oder sonst etwas. Umgekehrt kennt man solche Effekte leider auch, beispielweise bei Schullaufbahnempfehlungen. Teilweise geht es dabei auch über das sich gut verkaufen können der Kinder hinaus und das gut verkaufen können der Eltern kommt hinzu und/oder andere Effekte spielen mit rein. Es soll nur Beispiele sein was da alles beeinflussen kann.

Wenn man sich dessen bewusst ist könnte man evtl. Vertrauenspersonen dazu befragen indem man ihnen beschreibt was man kann und wie man das richtig aber auch gut für Lebenslauf (oder woanders) beschreibt. Oder man könnte Trainings dazu anzubieten. Ich denke auch nach einer Bewerbung oder Vorstellungsgespräch, beispielweise bei Gehaltsverhandlungen oder Weiterbildungen und allgemein ist es doch immer wieder wichtig das zu können. Ich finde es nach wie vor extrem schwer obwohl ich mir dessen mittlerweile bewusst bin.

Gefühle soweit die Gedanken reichen?

Wir haben ja schon mehrmals darüber geschrieben wie es so ist mit Gefühlen und Autismus (z.B. https://meerigelstern.wordpress.com/2014/06/10/autisten-haben-doch-keine-empathie-oder/ ), da ja leider immer noch viele Menschen der Meinung zu sein scheinen wenn er/sie/intersex die Gefühle nicht sofort sieht und/oder deuten kann hätte die andere Person keine und schon gar nicht könne diese Empathie für die Gefühle anderer haben oder mitfühlendes Verhalten zeigen. Weit gefehlt! Nicht nur gehen neue wissenschaftliche Thesen (siehe beispielsweise die ‚intense world theory‘ von Markram und Markram) von starken Emotionen bei Autisten aus, immer wieder schreiben und sagen Autisten, dass es nicht so ist wie Vorurteile leider viele glauben lassen.

Heute von mir einmal ein etwas anderer Blick darauf, und zwar in Bezug auf Pflanzen und Dinge. Das habe ich glaube ich noch keinem Nichtautisten berichtet, da ich etwas Angst hatte diejenigen kämen wieder mit einem Vorurteil, ja bei Dingen geht das, aber nicht bei Menschen. Doch offenbar geht „es“ bei mir bei allen Lebewesen und auch Dingen. Ich habe starke Gefühle bei Tieren incl. Menschen so dass es mir manchmal vorkommt wie eine „Gefühlswand“ oder eine LKW-Ladung voll Gefühle die über mich hereinbrechen, nicht selten viel zu viel davon. Da entstehen dann soziale Schwierigkeiten nicht von keine Emotionen, sondern von zuvielen weil man nicht hingehen kann wo andere sind weil zu überwältigend.

Aber heute wollte ich ja etwas schreiben zu Gefühlen zu Pflanzen und Dingen. Ich lebe und esse oft vegan aus vielen Gründen, ja sicher einer davon ist auch das Wohl der Tiere. Warum ich hier davon anfange ist der, dass mir Pflanzen auch sehr leidtun wenn sie für mich geschnitten werden oder ähnliches. Es gibt nicht nur erste Hinweise darauf das auch Pflanzen so etwas wie ‚Angst‘ verspüren können sondern wie man schon lange weiß reagieren Pflanzen natürlich auch wenn sie abgeschnitten etc. werden. Ja, anders als viele andere Lebewesen, aber dadurch weniger beachtenswert? Sehr schwierig. Ich bin nicht sicher inwieweit sie Schmerz oder wirkliche Angst verspüren können, aber ich fühle trotzdem mit. Natürlich kann man nicht aufhören zu essen und wir sind noch nicht soweit, dass wir keine Lebewesen mehr töten müssen um zu überleben, aber ich möchte, dass sie möglichst aus ‚artgerechter Haltung‘ kommen und nicht unnötig leiden müssen. Auch wenn ein Baum gefällt wird tut mir das für ihn sehr Leid und ich finde man sollte genau überlegen ob es wirklich nötig ist (z.B. weil er schon ganz krank und morsch ist und bald umfällt und dann evtl. noch einem anderen Lebewesen schadet) und dann möglichst schnell und ohne andere Lebewesen zu beeinträchtigen tun. Auch kann ich gar nicht verstehen wie Menschen wenn sie Pflanzen nicht mehr mögen sie zum Sterben irgendwo hinstellen, zum Erfrieren oder Verdursten etc. Ich finde das ganz schrecklich und habe schon einiger solcher Pflanzen ‚eingesammelt‘.

Ich trage Kleidung möglichst auf weil ich das sinnvoll finde und auch ungern neues habe. Wenn ich dann etwas wegwerfen muss tut es mir für die Sachen Leid, zum Beispiel sagte/dachte ich danke für treue Dienste und die Zeit mit dir zu einer Hose neulich. Es scheint mir als hätte ich Mitgefühl für die Hose die dann bei dem Müll liegt und ganz allein ist und im Dunklen Stinkigen Kalten etc. Natürlich kommt da auch dazu, dass es schade ist weil man das gern angezogen hat, aber es scheint mehr zu sein. Ich entschuldige mich auch bei Ecken die ich nie kannte wenn ich gegen sie gestoßen bin, so aus „heiterem Himmel“ ohne Vorwarnung Kontakt, das ist ja nicht angenehm. Ich mache das in Gedanken, weil laut finden Leute komisch. Manchmal kommt mir es in Bezug auf Dinge selbst etwas merkwürdig vor, aber ich finde lieber danke ich mal meiner treuen Hose als das ich keine Rettungsgasse bilde oder Ähnliches, denn sowas mache ich nicht, das finde ich nicht nur merkwürdig, sondern einfach nur respektlos gegenüber dem Leben.

von Wasser und Feuer

Manche wissen ja evtl. schon dass ich tauche. Heute ein anderes Thema was manche evtl. verwirren mag – ich bin Autist und bei der Feuerwehr.

Jetzt mögen manche evtl. denken, ach das glaube ich nicht, die Feuerwehr nimmt ‚die‘ ja bestimmt nicht oder aber auch kannst kein Autist sein sonst könntest, evtl. wolltest, das ja gar nicht. Keine Empathie, unsozial und sowieso in eigener Welt oder so gell?!

Ach wirklich? dass ist oft so ’nett‘ das viele wissen was ich kann, bin oder möchte. Das finde ich übrigens ziemlich verwirrend, in dieser Welt verwirrend und von den anderen etwas unempathisch und unsozial. Ich habe schon immer gern geholfen und bin u.a. dafür über meine Grenzen gegangen. Als Autist muss man das eh oft, ja das pauschalisiere ich jetzt einfach mal. Bei der Feuerwehr kann man helfen: retten, löschen, bergen, schützen. Aber es ist auch Geräusch, Lichter und Geruch und viel sozial undund, über Grenzen gehen.

Nuja wie geht das denn mögen sie sich evtl. fragen. Ja ich gebe zu es ist wirklich auch anstrengend. Ich wusste erst nicht ob ich das schaffen kann. Schöner Weise hat es sich herausgestellt, dass ich es kann. Es auch ok ist wenn ich nach Übungen nicht immer noch bleibe was nicht daran liegt, dass ich die Leute dort nicht mag. Und ganz ehrlich, Autisten fühlen viel Geräusch und Licht und Emotionen und alles, da dachte ich kann ich wenigstens für was Sinnvolles überreizt werden. Spaß beiseite bzw. auch nicht. Wisst ihr was unglaublich praktisch ist, das Vorgehen, es gibt klare Strukturen bei quasi allem und ‚ungewöhnliche‘ Lösungen kann man auch brauchen etc., also würde es doch irgendwie ‚gut passen‘.

Und ja man möchte es nicht glauben ich habe Autismusdiagnose, sogar mehrfach unabhängig. Tja, also bei der G26.3 (Tauglichkeitsuntersuchung für Atemschutzgeräteträger) wusste man davon und ja, ich darf ‚trotzdem‘ bzw. erfreulicher Weise hat es quasi nicht interessiert, nur kurze Frage ob ich es mir zutraue etc.

Feuerwehr ist unglaublich wichtig, interessant, es fehlt oft Nachwuchs, man kann Gutes tun und auch nette Menschen kennen lernen etc. Wusstet ihr dass ca. 94% der Feuerwehrmenschen in Deutschland freiwillige sind? Ach und eine meiner ersten Lernerfahrungen dort, Feuer sind Nutzereignisse und Brände Schadereignisse, also eigentlich müsste es Brandwehr heißen und in der Überschrift von Wasser und Bränden, aber ich fands auch so nett zu lesen, ich kann nur soviel sagen, ich merke immer mehr wie viel ich noch lernen kann, ist also auch ein feines Wissensammelgebiet.

Vllt. fragen sich jetzt einige warum schreibt Meerigelstern das jetzt hier. Nuja ich dachte mal ich schreib das ohne zu wiederholen was mir schon alles gesagt wurde was ich ’sicher nie können würde‘. Das heißt nicht, dass jeder Autist alles kann. Aber ihr könnt mehr als viele denken, evtl. sogar mehr als ihr im Moment denkt – gebt eure Wünsche und Träume nicht auf auch wenn es manchmal schwierig ist!

von Schuhen und Füßen

Viele fragen sich offenbar warum viele Autisten gern barfuß laufen, oft gleich wieder Schuhe ausziehen die man ihnen gerade angezogen hat, Schuhe ausziehen obwohl es eine soziale Situation ist in der „man keine Schuhe auszieht“, barfuß durch den Schnee laufen etc.

Also bei mir liegt es daran, dass meine Füße keine Schuhe mögen und außerdem sie barfuß durch Schnee toll finden.

Überrascht war ich von den Feuerwehr Einsatzstiefeln, die finden meine Füße nicht so schlimm wie zuerst befürchtet, aber trotzdem sind sie froh wenn sie nach Einsatz oder Übung wieder barfuß dürfen. Ich sehe mittlerweile ein, dass manchmal Schuhe notwendig sind um z.B. nicht Scherben im Fuß zu haben oder sich auf dem heißen Boden die Füße zu verbrennen, beides noch länger unangenehm als für Moment Schuhe anziehen. Gleichzeitig frag ich mich warum man ständig Schuhe anhaben soll, ja fast muss. Das eine sind ja Gesundheits-/Sicherheitsgründe, das andere soziale.

Das Gefühl ist schwer zu beschreiben. Es ist irgendwo meist picksig oder es drückt Teile des Fußes an Stellen wo sie sonst nicht sind. Ungleichmäßig fühlt sich das an wenn Zehen schief sind oder eine Naht irgendwo drauf drückt. Ja auch Schuhe die angeblich ganz toll passen und bequem und angenehm sein sollen mögen meine Füße nicht, meine Füße merken trotzdem dass sie eingesperrt sind und nicht direkt Kontakt mit dem Boden haben dürfen. Und das merken sie die ganze Zeit. Es ist also nicht so, wie oft bei vielen nichtautistischen Personen wie ich mittlerweile erfahren habe, dass sie bei Schuhen nach kurzer Zeit gar nicht mehr merken, dass sie sie anhaben (da war ich übrigens sehr überrascht liebe nichtautistische Leser, dass das offenbar bei euch so ist, ist das wirklich so? und wenn ja bei Kleidung usw. auch?). Bei mir, und ich vermute auch bei vielen anderen Autisten, ist es so dass wir die Schuhe so lange merken bis sie wieder weg sind. Wir gewöhnen uns nicht, aber wir können lernen es eine Weile aushalten zu müssen weil notwendig um Schaden von Füßen abzuhalten der noch länger unangenehm wäre. Und es gibt Schuhe die etwas weniger unangenehm sind als andere. Barfuß ist aber am besten.

Durch einen „Fall“ den wir vor Monaten hatten in welchem einer Mutter eines autistischen Kindes geraten wurde doch Schuhe Tag und Nacht (!!) ihrem Kind anzuziehen damit es sich dran gewöhnt – nach 6 Wochen wurde das Kind aggressiv (total überraschend natürlich; der Inhalt dieser Klammer kann Zynismus enthalten). Die Mutter war sehr verzweifelt. Wir rieten ihr dann ihrem Kind zu erklären warum es manchmal Schuhe anhaben muss (z.B. um einen anderen länger unangenehmen Schaden vom Fuß fernzuhalten) und das es sonst oft auch barfuß oder wenn es kalt ist mit Socken sein darf. Sie schrieb uns nach zwei Tagen war das Thema erledigt.

Natürlich ist das nicht immer so möglich, aber manchmal, und evtl. durch Zeigen von Scherben oder Bildern oder auch Fühlen von heißem Teer etc. versuchen klar zu machen warum jetzt Schuh sein muss. Und wann immer es geht den Autisten wenn er mag ohne Schuhe sein lassen. Und wenn gesellschaftlich ein nackter Fuß nicht angebracht ist, evtl. versuchen Sie kurz an diese Zeilen zu denken, und wenigstens nur Socken anzuziehen, das geht meist besser als Schuhe, aber evtl. ist ja barfuß trotzdem häufiger ok 🙂

Böse Verhaltenstherapie…

Ich höre und lese immer häufiger, dass auf die ach so böse Verhaltenstherapie geschimpft wird und dass Eltern, die dies für ihr Kind in Erwägung ziehen, heftigst davon abgeraten wird. Ist doch alles Konditionierung, das darf man nicht.

Mal so nebenbei findet Konditionierung in allen Lebensbereichen statt: bei der Arbeit, in der Partnerschaft, in Beziehungen jeglicher Art, denn man richtet sich nach dem, was „gut ankommt“ und vermeidet das, was „schlecht ankommt“. Wenn ich weiss, dass ich Ärger bekomme, wenn ich zu spät zur Arbeit komme, dann werde ich pünktlich erscheinen. Alleine schon das ist eine Konditionierung. Bringe ich meinem Kind bei, an der Strasse stehen zu bleiben und nach links, rechts und wieder nach links zu schauen, ob ein Auto kommt, ist das eine Konditionierung, denn dieser „Vorgang“ wird irgendwann ganz selbstverständlich und ohne weiter darüber nachzudenken, durchgeführt. Bimmelt ein Alarm im Auto, wenn ich den Gurt nicht angelegt habe, ist das eine Konditionierung, denn ich möchte ja dieses nervige Geräusch vermeiden und schnalle mich deshalb schon an… nur mal kurz ne Erklärung, dass das ganze Leben mehr oder weniger schon aus Konditionierungen besteht.

Und jetzt muss ich etwas weiter ausholen, um zu erklären, warum ich Verhaltenstherapie per se nicht ablehne und nicht ablehnen kann:

Im 1. Schuljahr (2013/14) war mein Sohn in seiner Schule und seiner Klasse als „Sonnenschein mit den goldenen Locken“ bekannt, war laut Lehrerin ihr Vorzeigeschüler und hat mit seinen Lachanfällen oft die ganze Klasse unterhalten. Er konnte mit kleinen Auszeiten den ganzen Vormittag im Klassenzimmer verbringen, hat vielleicht mal ein Mädel an den Haaren gezogen, war aber ansonsten sehr umgänglich. Dann folgte sein ganz persönliches Drama: in den Sommerferien wurde er von einer Wespe in die Zunge gestochen und bis dato wussten wir nicht, dass er auf Bienen-, Wespen- und Ameisengift hochgradig allergisch reagiert. Die Zunge schwoll an, der Hals ging zu, es bestand Erstickungs- und Lebensgefahr. Beim Kinderarzt mussten wir ihn zu 3. bändigen, um ihn überhaupt medizinisch versorgen zu können, als der Rettungswagen kam, waren wir mit 7 Erwachsenen und einem kleinen Autisten in Todesangst in einem engen Zimmer und mein Sohn hatte seine 1. richtige Panikattacke.

So weit so gut, der Stich wurde versorgt, Notfallmedikamente verordnet, daheim wurde er dann ordentlich geschont und da er noch Ferien hatte, ging das alles auch recht gut.

Nach den Sommerferien ging es dann richtig rund: seine Angst hatte sich wohl so verfestigt, dass er Panikattacken bekam, sobald mehrere Menschen in einem Raum waren und die Tür geschlossen wurde und er fing an zu beissen. Aber nicht ein bissle beissen, sondern heftig beissen, so dass er andere Menschen blutig biss. Und das täglich! Mehrfach!

Aber es blieb nicht dabei, dass er in der Schule biss, irgendwann hat er das auf zu Hause übertragen und hat jeden gebissen, der sich im gleichen Raum befand: Mama, Papa, Hund, Katze… Besucher konnten wir zu dieser Zeit schon keine mehr einladen, denn sobald die Türklingel ansprang, stand er schon parat, um die „unerwünschten“ Besucher weg zu beissen.

War das Essen nicht fertig, wenn er hungrig war, hat er gebissen. Hat man sein Zimmer betreten, hat er gebissen. Kam er die Treppe runter und hat einen erblickt, hat er gebissen. Und man soll sich kaum vorstellen, welche Kräfte ein damals 8-jähriger mit gerade mal 26 kg entwickeln kann. Wir waren auf der Flucht vor unserem Kind im eigenen Haus! Hat er sich in einem Zimmer alleine aufgehalten, hat er es komplett verwüstet, ist er morgens aus seinem Bett gekrabbelt, ist er sofort und ohne Zögern über Mama oder Papa hergefallen, wer sich eben gerade „angeboten“ hat. Es war Anspannung pur, wir konnten über Wochen das Haus nicht verlassen, er konnte über 9 Monate nicht zur Schule, es ging gar nichts mehr. Er galt als hochgradig eigen- und fremdaggressiv, als Gefahr für sich selbst und für andere…

In der Klinik wurde er auf Neuroleptika eingestellt und es war das Grauen! Er hatte noch mehr Panikattacken, Schweissausbrüche, Herzrasen, er hat entweder geschlafen oder gebissen… ich habe mein eigenes Kind kaum wieder erkannt. Die Klinik wollte ihn stationär aufnehmen, über mehrere Wochen oder auch Monate, allein… und er ist nonverbal. Hoffnungsloser Fall, schauen Sie sich schonmal nach ner geeigneten Einrichtung um, denn das können Sie zu Hause nicht mehr händeln… ohne Medikamente wird er niemals zurecht kommen…

Ja, das war der Stand! Hoffnungsloser Fall! Sein Leben lang Medis! In der Einrichtung mit fremden Menschen, weil wir nicht mit ihm zurecht kommen…

Und das hat meinen Kampfgeist geweckt! Ich wollte und konnte mein Kind nicht aufgeben! Auf gar keinen Fall! Und dann kam ich an die Verhaltenstherapie, hab mich informiert, eigene Strategien entwickelt, Bücher gelesen, verschiedene Therapeuten kontaktiert, mich von Therapeuten „begleiten“ lassen…

So, 1 Jahr später: mein Sohn geht stundenweise zur Schule, er ist zu Hause ein völlig ausgeglichenes und fröhliches Kind, er liebt es, mit Mama neue Dinge zu lernen (momentan ist er ganz scharf aufs Lesen), er liebt lange Spaziergänge wieder, er geht gerne auf Spielplätze, er mag kuscheln, singen, toben, er fordert von sich aus Kontakt ein… und er mag Menschen wieder, die ihm noch vor einem Jahr wahnsinnige Angst machten.

Es hat Geduld erfordert, ein ganz langsames Annähern, wir haben alles neu erlernt in kleinsten Schritten, wir können wieder kleinste Einkäufe machen, er kann sich wieder auf andere Menschen einlassen und er hat viel weniger Ängste. Er kann mit einem „Nein“ mittlerweile gut umgehen und auch mal einen Moment warten, was vor wenigen Monaten noch undenkbar war. Immer mehr entwickelt er auch eigene Strategien, um nicht zu beissen und auf andere Weise zu zeigen, dass er etwas benötigt oder dass etwas gerade nicht gut ist. Und er nimmt sich seine Auszeiten, wenn er diese braucht, wobei dies immer weniger wird, und zwar von ihm aus. Lieber hängt er nach dem Mittagessen bei Mama auf der Couch, als dass er alleine in seinem Zimmer sitzt. Auch das war völlig undenkbar…

Er wird so langsam immer selbstbewusster, neugieriger (was seine Angst im letzten Jahr komplett verhindert hat!), sucht nach neuen Anregungen und Impulsen und macht plötzlich rasante Fortschritte.

Er kann in der Schule noch nicht wirklich am Unterricht teilnehmen, da er dort einfach noch ein wenig Zeit braucht, um sicherer zu werden und den Abläufen und den Menschen zu vertrauen. Aber er nähert sich ganz langsam und schrittchenweise an, so dass er nicht wieder in Angst und Panik verfallen muss. Schule soll etwas Schönes für ihn sein und nicht mit massiven Ängsten behaftet, und ich hoffe, dass er auch diese Hürde bald nehmen kann und mit Spass an gemeinsamen Aktivitäten mit seinen Mitschülern teilnehmen kann… wir arbeiten daran, gemeinsam.

So, also wir haben von den Optionen Psychiatrie mit unbekannter Aufenthaltsdauer, Fixierung und Sedierung, Einrichtung für hochgradig verhaltensauffällige Kinder oder Verhaltenstherapie die Verhaltenstherapie gewählt, mit dem Ergebnis, dass es uns ALLEN viel besser geht, dass wir wieder Spass am gemeinsamen Zusammensein und am Alltag miteinander haben.

Und ich meine, dass jede Therapie oder nennen wir es in unserem Fall einen „besonderen Erziehungsstil“ nur so gut oder so schlecht ist, wie der derjenige, der sie anwendet. Und so lange das Kind im Mittelpunkt steht mit all seinen Bedürfnissen, Wünschen und Besonderheiten, kann auch eine Form der Verhaltenstherapie für alle Beteiligten eine Bereicherung sein.