Sich ‚gut verkaufen können‘

Gerade in letzter Zeit sher aber immer wieder mal fällt es mir auf, dass es offenbar sehr wichtig ist sich „gut zu verkaufen“, sprich dass andere erfahren was man alles kann und wie gut man ist. Meine Erfahrung die letzten Jahre zeigt mir eher in die Richtung, dass dies bei Autisten oft nicht so gut klappt. Wenn Autist gefragt wird, sagt sie/er eher etwas in Richtung ja kann ich/kann ich nicht oder auch sie/er weiß es gibt noch viel mehr zu wissen und beschreibt sein/ihr Wissen eher nicht so groß gut wie evtl. ein Nichtautist vergleichbares beschreiben würde.

Als Beispiel Sprachwissen. Ich schreibe im Lebenslauf Englisch sehr gut, aber auch noch nicht lange, vorher habe ich gut geschrieben, gesagt wurde mir ich soll fließend schreiben. Hat mich sehr gewundert da mir ab und zu Wörter fehlen und ich dann kurz überlegen muss zum Umschreiben und das ja dann nicht fließend ist. Erst neulich wieder habe ich jemanden Englisch reden gehört, es war ok, aber ich würde es vermutlich noch nicht einmal als gut bezeichnen, in seinem Lebenslauf den ich durch Zufall sah stand fließend. Ich finde fließend ist schon nahe an muttersprachlich dran und meint wirklich fließend in allen Lebenslagen. Es gibt viele weitere Beispiele. Mir ist bewusst, dass man im Lebenslauf sich „verkauft“ und sich das gut lesen muss. Allerdings finde ich es sehr wichtig, dass das auch wirklich möglichst genau und richtig ist. Ich überlege zum Beispiel auch ob ich Kenntnisse die ich seit Jahren nicht aufgefrischt habe wieder rauslösche da ich vermutlich vieles nicht mehr wirklich weiß bzw. eine Zeit benötigen würde bis ich wieder „drin bin“. Nichtautisten sagten mir dass soll ich nicht tun. Komisch. Mein Versuch einer möglichen Erklärung wäre, dass es Autisten evtl. allgemein sehr wichtig ist möglichst genaue Angaben zu machen und deswegen das sehr vorsichtig formulieren. Auch möchten sie nicht „lügen“ wobei Kenntnisse die man so gar nicht hat für viele evtl. dazu gehören. Ein weiterer Punkt könnte sein, dass sich Autisten schwer einschätzen können, eh schon und mit dazu gehört offenbar auch, dass es anscheinend einen Unterschied macht ob man sich selbst einschätzt oder in Bezug auf andere. Da gibt es dann für diese quasi zwei „richtig“: ich kann etwas gut und ich kann dieses etwas besser als viele andere und kann deswegen schreiben ich kann das sehr gut. Sehr verwirrend! Außerdem kommt bei vielen noch hinzu, dass sie wenn sie etwas erreichen möchten verschiedene Mittel anwenden und damit erfolgreich sind, beispielweise weinen oder sehr vehement sein/“Ellenbogen“ nutzen auch wenn es auf Kosten anderer geht. Also ich möchte lernen mich besser zu verkaufen, aber nicht mit solchen Mitteln.

Bei Kindern ist es ähnlich, beispielweise in der Schule. Ich denke bei mündlichen (Noten) brauche ich gar nicht schreiben dass es da wichtig ist sich gut verkaufen zu können. Aber auch bei Schülern die „auf der Kippe stehen“ zwischen zwei Noten macht der persönliche Eindruck und die Erwartungshaltung der Lehrer leider viel aus. Es gibt beispielsweise eine Studie in der man mit Kindern einen IQ Test gemacht hat. Unabhängig davon wie dieser ausging hat man den Lehrern Rückmeldung gegeben welche Kinder durch ihr gutes Ergebnis wohl besonders von Unterricht profitieren. Und siehe da, am Ende hatten diese bei einem zweiten Test nach einiger Zeit wirklich höhere Werte. Vermutlich allein weil die Lehrer dachten die sind gut sich evtl. intensiver mit ihnen beschäftigt und positiver gesehen haben oder sonst etwas. Umgekehrt kennt man solche Effekte leider auch, beispielweise bei Schullaufbahnempfehlungen. Teilweise geht es dabei auch über das sich gut verkaufen können der Kinder hinaus und das gut verkaufen können der Eltern kommt hinzu und/oder andere Effekte spielen mit rein. Es soll nur Beispiele sein was da alles beeinflussen kann.

Wenn man sich dessen bewusst ist könnte man evtl. Vertrauenspersonen dazu befragen indem man ihnen beschreibt was man kann und wie man das richtig aber auch gut für Lebenslauf (oder woanders) beschreibt. Oder man könnte Trainings dazu anzubieten. Ich denke auch nach einer Bewerbung oder Vorstellungsgespräch, beispielweise bei Gehaltsverhandlungen oder Weiterbildungen und allgemein ist es doch immer wieder wichtig das zu können. Ich finde es nach wie vor extrem schwer obwohl ich mir dessen mittlerweile bewusst bin.

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3 Gedanken zu „Sich ‚gut verkaufen können‘

  1. Jaaaa, da erkenne ich mich so sehr wieder! Der Eindruck, positiv übertreiben oder gar lügen zu müssen. Der Eindruck, daß die Selbstpräsentation wichtiger erscheint als das eigentliche Können und Wissen. Das Gefühl, eine lebendige, schreiend-bunte und blinkende Werbeanzeige sein zu müssen, um eine Chance auf einen Job zu bekommen. Und dann gelegentlich beobachten „dürfen“, wie andere mit geringerer Qualifikation, aber redegewandt „sich verkaufen könnend“, die Stelle bekommen …

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  2. Sehr gut beschrieben. Habe ich auch irgendwann mal so für mich erkannt.
    Und wie kommt man raus aus der Bescheidenheits-Falle?
    Bei mir war es ein erster Schritt zu lernen, Lob anzunehmen ohne Widerspruch und Einschränkung. Also nicht zu antworten „Och, das war jetzt mehr Glück, dass das auf Anhieb so gepasst hat.“ oder „Es ist nicht perfekt und man müsste noch …“
    Man muss ja nicht gleich auf die dunkle Seite wechseln (RW) und zum Aufschneider werden.

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  3. Pingback: Froschs Blog: » Im Netz aufgefischt #343

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