Muttersprache

Durch den anderen Text zu „sich verkaufen können“ bin ich auf dieses Thema gekommen. Mich würde auch interessieren wie andere Autisten das fühlen. Ich habe spät angefangen zu sprechen, das war dann schon meist deutsch. Ich muss aber sagen sprachlich bewusst wurde mir vieles erst später (und einiges immer noch nicht) da ich hauptsächlich in Bildern (und Geräuschen und Temperaturen) denke und dann Wörter dazu auswendig lernte um es von meinen Kopfbildern für andere zu übersetzen. Umgekehrt Wörter von anderen in meinem Kopf übersetzen für Verstehbild. Als mir Sprache mehr bewusst wurde hatte ich schon Englisch in der Schule und Verwandtschaft in Spanien wo ich etwas Spanisch hörte las und sprach. Dazu kommt noch Körpersprache von Nichtautisten die ich ja auch lernen musste. Vor dem Spiegel von anderen abgeguckte Dinge üben. Immer wieder. Immer Neues. Manchmal frag ich mich schon ob das Nichtautisten bewusst ist, dass Autisten quasi mind. zweisprachig aufwachsen da sie Körpersprache ja auch immer parallel lernen müssen. Und Körpersprache ist sehr schwer zu lernen, viele Dinge sind ähnlich haben aber unterschiedliche Bedeutungen je nach Person und Situation. Weinen kann Trauer und Freude heißen. Beim Lachen gucken ob Augen mitlachen, sonst könnte „falsches Lachen“ sein. Es ist wichtig wo deine Hände sind, mancher Händeort ist unhöflich. Die Distanz zu anderen Personen hat große Rolle, es gibt zu weit weg und zu dicht. Etc.etc. Das ist schon ziemlich viel! Ich könnte nicht sagen was wirklich meine Muttersprache ist (davon abgesehen dass ich oft mit meinen Vater sprechen geübt habe; hehe kleiner Scherz am rande, meist lernt man aber schon viel Sprache von der Mutter vermutlich weil man im Durchschnitt meist mehr Zeit mit ihr verbringt vermutlich heißt das deswegen muttersprach). Vermutlich würden die meisten sagen trotzdem ist deutsch meine Muttersprache. Viele begründen das damit weil sie zu diesen Sprachen „intuitiven“ Zugang haben. Ich habe das nicht. Zu keiner Sprache. Auch zu Körpersprache nicht. Es ist alles ein bewusstes Handeln, das zwar hab ich den Eindruck mittlerweile nach Jahren üben ab und zu automatisiert abläuft aber da darf dann auch sonst nichts dazwischen kommen. Mittlerweile merkt das vermutlich kaum einer mehr, nuja sagen wir an den meisten Tagen, manchmal fehlen zu viele Wörter und Mimik/Gesten für incognito.

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3 Gedanken zu „Muttersprache

  1. Ich habe auch sehr spät „sprechen gelernt“. Oder vielleicht auch „zu sprechen begonnen“ – denn verstanden habe ich wohl schon sehr viel. Solange ich aber mit dem Zeigen auf Dinge und „äh!“ durchkam, war es einfach nicht nötig, Worte zu benutzen.

    Das änderte sich, als meine Mutter – wegen ich weiß nicht mehr was – im Krankenhaus war und ich ein paar Wochen zu ihrer Mutter (ca. 300 km Luftlinie entfernt) gebracht wurde, weil mein Vater in Sachen Kinderversorgung, sagen wir … ungeübt sein wollte *hüstel*. Oma akzeptierte das Zeigen mit „äh!“ nämlich einfach nicht. Und weil sie mich offenbar nicht verstand und ich ja ein rücksichtsvoller Mensch bin 😉 – ja, da habe ich angefangen zu reden. Und dann nicht mehr aufgehört.

    Die anderen „Sprachen“ wie Körpersprache habe ich erst viel später durch Erfahrung und nur rudimentär gelernt. Vor den Spiegel habe ich mich dafür allerdings nie gestellt – mir war ja lange überhaupt nicht bewußt, daß mir da was fehlt. Augen lesen kann ich immer noch nicht, das wird wohl in diesem Leben auch nix mehr. Gesichter lesen – jain. Bei manchen mehr, bei manchen weniger, aber immer erst nach einer Gewöhnungszeit. Weiterhin problematisch sind immer noch so subtile Äußerungsanteile wie Stimmfärbungen. Ja, und das Soziale, das mit den Umgangsformen. Ich bin halt lieber gnadenlos ehrlich, als daß ich etwas hinter schönen Worten verstecke.

    Dem gegenüber stehen scheinbar paradoxerweise ein sehr gutes Sprachverständnis, nahezu perfekte Rechtschreibung und Grammatik (ich habe auch sehr früh lesen gelernt und gerade als Kind sehr viel und intensiv gelesen) – später auch in Englisch.

    Und dann wieder: Wenn ich vor Menschen reden oder verbale Diskussionen führen muß, läßt mich die Sprache dann oft wieder im Stich. Abgesehen davon, daß mir Argumente einfach nicht einfallen wollen, obwohl ich sie sonst immer parat habe, bekomme ich Wortfindungsstörungen; Wörter fallen mir einfach nicht ein. Ich sag dann immer, mein Thesaurus klemmt gerade. 😉

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  2. Unser kleiner Mäuserich hat auch sehr spät angefangen mit dem Sprechen. Als uns klar wurde, dass er Deutsch wie eine Fremdsprache lernt, haben wir auch die üblichen Methoden des Fremdsprachenlernens ausprobiert (Vokabelkasten, Lernprogramme „Deutsch für Ausländer“), mit Erfolg.

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