Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht!

Ergotherapie, Physiotherapie, Logotherapie, Reittherapie, Musikunterricht, Nachhilfe, Sportverein, Schwimmunterricht… was hab ich denn vergessen?? Puhhhh, jetzt macht der kleine Autist so viele Therapien und trotzdem tut sich nichts. Och nööö, im Gegenteil, der wird immer bockiger und lernt ja gar nix bei, das gibt’s doch gar nicht. Da tut man und macht man und der kleine Autist, ja, der spielt da einfach nicht mit!!!

So viel Programm ist Stress, ich denke, nicht nur für autistische Kinder. Wenn jeden Nachmittag zu einem anderen Programm gehetzt wird, wo bleibt denn dann die Zeit, dass sich das Ganze auch irgendwie setzen und festigen kann? Wie und wann sollen denn all diese Eindrücke verarbeitet werden? Wie soll all das denn so sortiert werden, dass man auch wirklich was damit anfangen kann??

Zur Erklärung: oft denken die Leute, wenn der kleine (oder auch große) Autist sich zurück zieht und seinen „Stereotypen frönt“, dann würde er da ja gar nichts tun und gar nichts lernen…(man, der faulenzt ja schon wieder). Dabei sind das für Autisten ganz wichtige Auszeiten, um Eindrücke zu verarbeiten, zu sortieren und so zuzuordnen, dass sie für den Autisten brauchbar werden. Wenn dieser „Prozess“ nicht „erlaubt“ wird und ständig neue Eindrücke auf den Autisten einprasseln, dann denken die Leute, dass der kleine (oder große) Autist bockig ist, sich verweigert, obwohl man sich ja so viel Mühe mit ihm gibt. Wenn man allerdings bedenkt, dass Autisten ein anderes Betriebssystem haben und sie harte Arbeit leisten, um all das Erlebte zu verarbeiten, dann wird einem vielleicht klar, dass es einfach irgendwann zu einem „Aufnahme-Stopp“ kommt, weil einfach die Eindrücke bisher noch nicht zugeordnet werden konnten. Und dann muss ein Autist sich zurückziehen, Auszeiten haben, sich mit Dingen beschäftigen, die beim Sortieren helfen oder einfach igeln. Wenn das nicht erlaubt wird, dann kann es passieren, dass es zu einem Overload kommt, dann ist das ganze System einfach komplett überladen.

Also: viel hilft nicht immer viel und weniger ist manchmal mehr!

Autistische Kinder wollen lernen, genau wie andere Kinder auch, aber oft haben sie dabei ihr eigenes Tempo, benötigen mehr Auszeiten, um das Erlernte zu sortieren und zu festigen und sie können einfach nichts Neues lernen, wenn das „alte“ nicht verarbeitet werden konnte. Und wenn man dem kleinen Autisten seine Auszeiten gönnt, ist man manchmal tatsächlich erstaunt, was denn doch so alles möglich und lernbar ist.

Auch habe ich manchmal den Eindruck, dass die vorgegebenen, genormten Entwicklungspläne, also was das Kind in welchem Alter können sollte, für kleine Autisten einfach nicht passen, weil die Entwicklungsschritte irgendwie anders verlaufen.

Kleines Beispiel: mit 3 Jahren wusste mein Sohn ganz zuverlässig, wo rechts und links ist, was er in diesem Alter noch nicht können müsste. Auf der anderen Seite haben wir 2 Jahre lang versucht, ihn mit allem möglichen dazu zu motivieren auf Toilette zu gehen, aber nichts hat funktioniert. Wir dachten schon, das wird nie was und eines Abends während des Essens springt er plötzlich auf, rennt zur Toilette und seitdem kann er das. Das war für IHN der richtige Zeitpunkt und nun war dieses „Thema“ für ihn einfach dran. Wir hätten uns die 2 Jahre „Arbeit“ wohl sparen können, hätten wir berücksichtigt, dass er oft selbst „entscheidet“, was gerade „dran“ ist. Durch sorgfältiges Beobachten der derzeitigen Interessen, kann ich oftmals sehen, was für ihn zum Lernen dran ist und kann da dann einsteigen und mit ihm mit Spaß und seiner Motivation und seinen Interessen lernen und Neues einführen.

Wenn ich aber versuche, ihm mit Druck etwas Neues aufzudrücken, was für ihn einfach noch nicht dran ist oder aber nach etwas neu Erlerntem noch mehr zu fordern, dann macht er „dicht“, dann geht nichts mehr… er bestimmt das Tempo, in dem er aufnahmefähig und lernbereit ist und er bestimmt auch, wann er Auszeiten zum Verarbeiten und Sortieren braucht und diesen natürlichen Rhythmus zu unterbrechen, bedeutet für ihn, dass gar nichts mehr geht.

Also tatsächlich: Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Man reißt es nur aus, bis gar nichts mehr wächst…

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4 Gedanken zu „Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht!

  1. Pingback: Markierungen 03/18/2015 - Snippets

  2. Da wird mir aus der Seele gesprochen! Auch unser Sohn war einfach irgendwann „trocken“, ohne erkennbares dazu zu tun. Es war halt einfach die Zeit. Und es hat lange gedauert, er war gute 8 Jahre alt! Während ich hier schreibe, hat er sich gerade zurückgezogen und sortiert die Eindrücke des Tages, denn der lief einfach mal anders ab als andere Samstage. Und schon ist die kleine autistische Welt etwas verrückt und muss neu sortiert werden 🙂

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