Das musst du ihm aber noch abgewöhnen!!!!

Ich rede hier von sog. „Stereotypen“ und Ritualen!

Oft wird den Eltern geraten – von Laien und von Fachpersonen – dass sie ihrem Kind die sog. Stereotypen doch unbedingt abgewöhnen sollen. Ich frage mich, wie diese Menschen auf die Idee kommen, solche Ratschläge zu erteilen?? (Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, dass das Wort „Ratschlag“ auch das Wort „Schlag“ enthält?? Kommt von schlagen und sagt doch schon so einiges…)

Vielleicht erkläre ich das am besten so:

Wenn mein Sohn sehr nervös ist im Außen, dann flattert er mit den Händen und kichert. Das hilft ihm wohl dabei, den Körper zu entspannen oder zu zentrieren, aber das ist ja sozial nicht angemessen, die Leute schauen ja (das interessiert mich schon lange nicht mehr), das kann er doch nicht überall machen, was denken denn da die Leute!!!

Zum Vergleich: viele Nichtautisten wippen bei Nervosität mit dem Fuß, klicken mit dem Kugelschreiber (was mich RASEND macht, lieber lasse ich mein Kind mit den Händen wedeln), kritzeln Formen auf Papier, aber das ist angemessen, weil andere machen das ja auch.

Oder aber: mein Sohn hatte einen stressigen Tag außer Haus. Um sich zu entspannen dreht er sich im Kreis, schaukelt, wippt auf allen Vieren vor und zurück. Sehr, sehr böse Stereotypen, das sollte ich ihm doch unbedingt abgewöhnen. Aber: ich sehe es gar nicht ein, ihm seine Entspannungsmethoden abzugewöhnen, nur weil sich der eine oder andere gestört fühlen könnte, weil man das ja nicht macht. Es hilft ihm, zur Ruhe zu kommen, Eindrücke des Tages zu verarbeiten und zu sortieren und in seine Mitte zu kommen. Also so schlecht kann es dann ja doch nicht sein?!

Im Vergleich: ein Nichtautist geht nach einem stressigen Tag zum Joggen („Wenn ich mich abends nicht noch auspowern kann, würde ich durchdrehen“), er geht ins Yoga oder trifft sich mit Freunden, um „runter zu kommen“. Das ist wohl sozial angemessen, schön, wenn es hilft! Wir werden auch nicht versuchen, Ihnen das abzugewöhnen, weil wir auch andere Entspannungsformen tolerieren und ankerkennen.

Auch bei Ritualen heißt es häufig, die wären ja nicht so gut, da würden Autisten dann so rigide und starr im Denken. Ok, ein Beispiel:

Meinem Sohn fällt es unheimlich schwer, von der Haustür zu Hause weg zu laufen. Ist  ja auch verständlich. Wenn ich die Auswahl habe zwischen „sicher und alles gut“ (Haustür) und „Hilfe, Gefahr, was erwartet mich das draußen“ (von der Haustür weglaufen), ist es schon nachvollziehbar, dass der sichereren Variante der Vorzug gegeben wird. Wenn wir es doch schaffen sollten von der Haustür wegzulaufen, ist er wahnsinnig nervös, beißt sich evtl. auch selbst in die Hände. Wenn wir aber mit dem Auto von zu Hause wegfahren, dann kann er völlig entspannt seinen Spaziergang genießen, weil die Option „Sicher“ und „Gefahr“ wohl besser voneinander getrennt sind. Also haben wir das zum Ritual gemacht: wir fahren ein Stück mit dem Auto, können dann entspannt spazieren gehen. „Das musst du ihm aber auch noch abgewöhnen!“ Da frage ich mich doch, für WEN??

Oder abends sind Rituale wichtig, bevor es schlafen geht, damit schlafen sich richtig, gut und sicher anfühlt! Ich denke, dass alle Eltern so ihre eigenen Rituale mit den Kindern haben. Naja, die Rituale, die ein kleiner Autist braucht, muss man ihm ja abgewöhnen… mein Sohn wollte eine Zeit lang jeden Abend in die Badewanne, das war sein „Bettritual“, aber das geht ja nicht, das Kind kann doch nicht jeden Abend baden… ja, warum denn nicht??

Zum Vergleich: ein Nichtautist braucht jeden Morgen erst seinen Kaffee und seine Zeitung, weil er sonst ungenießbar ist und der Tag sonst gelaufen ist. Oder er muss morgens unter die Dusche, um fit zu werden (man bedenke: Autisten sollen nicht jeden Abend baden, aber NT jeden Morgen duschen! Wo liegt der Fehler?!) Oder er putzt die Wohnung immer nach dem gleichen System oder oder oder… da gibt es sicher noch jede Menge Beispiele, aber das muss scheinbar nicht abgewöhnt werden, weil das ja „normal“ ist…

An alle, die denken, dass man kleinen Autisten ihre „Inseln“ und Sicherheitsanker abgewöhnen muss: machen Sie doch mal einen Selbsttest, indem Sie versuchen, für 2 Wochen auf ALLES zu verzichten, was Sie entspannt und was zu Ihren täglichen Routinen gehört. Vielleicht werden Sie merken, dass Sie immer unausgeglichener und nervöser werden oder wie der Tag seine komplette Struktur verliert… vielleicht fühlen Sie sich selbst auch ein Stück weit verloren. Probieren Sie es aus! Vielleicht können Sie dann erahnen, was es bedeutet, einem autistischen Kind all das abzugewöhnen, was beruhigt und Sicherheit gibt.

Dazu sagen muss ich noch:

Es geht mir hier ausschließlich um „Stereotypen“ und Rituale, die keinem anderen schaden, die den kleinen Autisten nicht in Gefahr bringen, bloßstellen, entwürdigen oder in anderer Weise schädigen.

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6 Gedanken zu „Das musst du ihm aber noch abgewöhnen!!!!

  1. Ein ganz wichtiger Beitrag, unterstütze ich voll! Warum eigenartige Verhaltensweisen „abgewöhnen“ oder „abtrainieren“, die niemandem schaden? Wenn sich Erwachsene einmal selbst beobachten würden, würde ihnen außerdem auffallen, wieviele kleine Stereotypien sie selbst haben! Nicht gerade flattern, aber klopfen, wackeln, tappen, knabbern usw.
    Toll, dass Sie es geschafft haben, nicht mehr daran zu denken, was „die Anderen“ denken. Ich glaube, viele Eltern schaffen das nicht.
    Im Sinne der Inklusion sollten wir alle dazu beitragen, die Gesellschaft toleranter gegenübr solchen harmlosen Abweichungen von der Norm zu machen und eher zu überlegen, wofür sie stehen, was Sie verursacht. Ist es Stress, kann ich etwas zur Erleichterung beitragen? Oder ist es Freude, dann freue ich mich mit!

    Gefällt 2 Personen

  2. Das haben Sie sehr anschaulich und verständlich beschrieben.Ich denke auch, dass man Rituale, die einem Kind und seiner Familie den alltäglichen Stress erleichtern, als notwendig und sinnvoll akzeptieren muss. Und froh sein, etwas gefunden zu haben, was hilft.

    Gefällt 1 Person

  3. Lieber Meerigelstern,

    hat Dein Känguruhlöwe mal das Trampolinspringen probiert? Es gibt wunderbare Weichtrampoline, da lässt sich prima drauf hüpfen und es heisst, Autisten mögen das besonders gern…

    http://www.akademie-fuer-ganzheitsmedizin.de/trampolin/trampolin-gesundheitliche-wirkung.html

    Dass sich damit ein »normales Verhältnis zur Umwelt wiederherstellen« lässt, überlesen wir freundlich 😉 – aber vielleicht tut es ihm einfach gut und er kann sich selbst damit balancieren, seinem Körper wohl tun und dabei Spaß haben. Ich bin im Nebenberuf im Gesundheitssport tätig und kam auf das Trampolinspringen, weil es lustig ist und vielen Menschen hilft, die nicht joggen wollen oder können und eine Abneigung gegen Gruppen haben. Das relativ kleine Ding steht in der Wohnung immer zur Verfügung und lässt sich auch nach Draussen stellen.

    Sonnige Grüße Juliane Spitta

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  4. Unserer Kleinen wollen auch immer alle alles ausreden, dabei macht die nichtmal auffällige Dinge. Wie gut das mit dem abgewöhnen funktioniert sieht man an mir und 35 Jahren verkapptem Psychololeben. Ich versuche mir als Erwachsene diese Dinge inzwischen wieder aktiv anzutrainieren und je mehr ich es tue, desto verträglicher bin ich und das Leben zu mir. Wer hat eigentlich was gegen entspannte Kinder da draußen???

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  5. Pingback: Markierungen 05/01/2015 - Snippets

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