Der hat doch nur keinen Bock!!

Ich denke, das ist so ein Spruch, den viele Eltern von kleinen Autisten schon gehört haben. Sobald der kleine Autist seinen Unmut äußert – gerade nonverbale Autisten, die nicht sagen können, was gerade nicht gut ist – wird gerne angenommen, das Kind hätte eben gerade keinen Bock, sei dickköpfig und völlig unkooperativ.

Z.B. wird mein Sohn beim Anziehen sehr nervös und möchte das oftmals gerne vermeiden. Und diesen Unmut tut er auch kund – meines Erachtens zu Recht. Wir Erwachsenen teilen ja auch mit, wenn uns etwas nicht behagt. Bei meinem Sohn kann das unterschiedliche Gründe haben:

– die Kleidung ist an diesem Tag noch viel unangenehmer auf der Haut als sonst.

– er hatte gerade etwas völlig anderes im Sinn oder noch etwas Wichtiges zu erledigen.

– er weiß, dass wir spazieren gehen und obwohl wir immer den gleichen Weg gehen, kann das trotzdem Unsicherheit bedeuten: andere Geräusche, der Wind tut im Gesicht weh, Radfahrer, die an uns vorbei rasen, Menschen, die uns ansprechen. Ja, der gleiche Weg bedeutet noch lange nicht, dass es immer gleich abläuft.

– neue Schuhe, die erst eingelaufen werden müssen.

Und meistens schafft er es dann doch, mit mir nach draußen zu gehen und sich all diesen „Gefahren“ zu stellen, aber kaum ein Mensch kann wohl erahnen, wie anstrengend das an „Igeltagen“ sein kann, also an Tagen, an denen man sich am liebsten zu Hause verkriechen möchte.

Viele verstehen auch gar nicht, welchen Einfluss die äußeren Umstände auf einen kleinen Autisten haben können:

  • Geräusche, die erschrecken können, in den Ohren weh tun, Kopfplatz-Gefühle machen oder sonst wie unangenehm sind
  • Anwesende Personen: Menschen, die schlechte Laune haben oder launisch sind, Menschen, die heftig „riechen“ (z.B. nach Parfüm oder Rasierwasser), Menschen, die aufdringlich sind, schrille Stimmen haben usw.
  • Wetterlage: Kälte kann weh tun, Hitze kann den Kopf matschig werden lassen, Regen kann nervig sein, Schnee kann irritieren…
  • Lichtverhältnisse: z.B. grelles Sonnenlicht, das in den Augen weh tun kann, so als würde Ihnen jemand mit einem Laserstrahl in die Augen leuchten
  • Kleidung am Körper, gerade an Tagen, an denen der Körper noch sensibler reagiert, als er es ohnehin schon tut.

Oder er möchte bestimmte Nahrungsmittel nicht essen. Das hat nichts mit „keinen Bock“ zu tun, sondern damit, dass er den Geruch nicht ertragen kann, die Farbe unangenehme Assoziationen hervorrufen kann, die Konsistenz im Mund unangenehm ist oder einfach daran, dass gewohntes Essen sich sicher anfühlt. Gerade an Tagen, an denen vieles nicht „sicher“ ist, kann gewohntes Essen Sicherheit und Zuverlässigkeit bieten.

Auch kann er oftmals nicht mitgehen zum Einkaufen und wird schon völlig panisch, wenn er das Wort „einkaufen“ nur hört. Jaja, keinen Bock und so. Nein, kaum ein Mensch kann sich vorstellen, wie unerträglich so ein Einkauf sein kann: die vielen Menschen, Gerüche, Geräusche (besonders wenn noch Musik im Supermarkt läuft), Menschen, die einen ungefragt einfach anfassen (ja, das passiert häufiger, weil das Kind ja so schöne blonde Locken hat), Lieblings-Dinge sind nicht am gewohnten Platz, sondern wieder mal umgeräumt (da kommt dann gerne Panik auf, weil es ja „weg“ sein könnte) und alles fegt dann wie ein Tornado über einen hinweg.

Oft höre ich, dass Kinder zu Hause „einfach so“ völlig ausrasten, aber meine Erfahrung ist eher die, dass kleine Autisten (fast) immer einen Grund haben, nur wird dieser nicht erkannt. Gerade Autisten, die sich verbal (noch) nicht äußeren können, sehen oftmals gar keine andere Möglichkeit als auszurasten, weil ihre Zeichen und Signale übersehen, überhört oder einfach übergangen werden.

Was ich sehr sinnvoll finde und auch immer wieder gerne rate: wenn Sie einen kleinen Autisten großziehen dürfen und häufig mit solchen Situationen konfrontiert sind, dann schreiben Sie ein Tagebuch, in dem Sie genau aufschreiben, was passiert ist, was dem vorausgegangen ist, wie sich das geäußert hat. Wichtig ist, dass Sie Ihre Notizen neutral halten, wertungsfrei und ohne Ihre eigenen Annahmen oder Emotionen. Sehen Sie dies als eine Art „Analyse“. So ist es möglich, die individuellen Auslöser für Ihr Kind zu finden und gemeinsam Wege zu finden, es „besser“ zu machen. Es gibt viele Erwachsene Autisten, die Ihnen gerne dabei behilflich sind, die Auslöser zu finden und Ihnen zu erklären, was mit Ihrem Kind in solchen Situationen „abgeht“. Fragen Sie einfach!!!

Gerne können Sie uns auch Fragen über unsere email-Adresse schicken, wir beantworten diese auch sehr gern!!!

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3 Gedanken zu „Der hat doch nur keinen Bock!!

  1. Sehr schön geschrieben. Das funktioniert aber nur, wenn man denn weiß, dass man ein autistisches Kind hat. Ich hatte lange eine Ahnung, die mir von Ärzten in den Neunziger und auch nach der Jahrtausendwende ausgeredet wurde. Heute, im Erwachsenenalter hat mein Sohn diese Diagnose. Mit meinen heutigen Kenntnissen hätten wir manche Auseinandersetzung im Kindesalter anders, schonender für meinen Jungen und die Nerven aller anderen Familienmitglieder lösen können. Dafür können wir beide heute ganz gelassen mit dem Asperger umgehen. Danke 🙂

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  2. Ich kann das sehr gut verstehen, eigenartig, bin ich doch NT, aber ja auch ich habe Tage an denen ich nich zum Einkaufen gehen mag, weil es sich einfach nicht so richtig anfühlt. Und so vieles was in diesem Beitrag steht ist für mich klar verständlich, weil auch ich solche Dinge( Gefühle) kenne. Ich bin Erwachsen und muss nicht erklären warum und weshalb. Vielleicht oder gerade deswegen, kann ich die Gedanken von einigen Autisten sehr gut nachempfinden.
    Danke für einen Einblick in die Gedanken und Gefühle eines Autisten. 🙂

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