Wenn Autisten krank sind…

Gerade jetzt fängt ja wieder die Erkältungszeit an. Husten, triefende oder verstopfte Nase, Halsschmerzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Fieber… das volle Rundumpaket!
Kranksein ist so ein Zustand, in dem sich alles anders anfühlt. Der Körper, der Kopf, Denken ist anders, vielleicht langsamer und unsortierter.
Viele Menschen, vor allem Eltern, möchten einen kranken Autisten dann gerne umsorgen und verwöhnen, sich kümmern, dafür sorgen, dass der Autist sich wohl fühlt. Das ist sicher nett gemeint, aber oft stösst man mit diesen Umsorgungs-Versuchen auf (teilweise heftigen) Widerstand. Das hat auch einige gute Gründe:
– Autist mag es sowieso schon nicht so gerne, wenn er so sehr umsorgt und verhätschelt wird und mag wenn er krank ist, einfach noch mehr seine Ruhe haben. Gerade wenn der Kopf weh tut und Denken verspult ist, ist umsorgt werden eher eine Belastung als eine Hilfe. Für Ruhe sorgen und dafür, dass Autist sich einfach zurückziehen kann, ist meist hilfreicher.
– Der Körper und die Haut tun weh, noch mehr, wie in „normalen“ Zeiten. Eine Berührung, auch wenn sie fürsorglich gemeint ist, tut auf der Haut dann noch mehr weh wie sonst, gerade bei taktil empfindlichen Autisten. Die Berührung kann auch noch Stunden später auf der Haut brennen wie Feuer und ist daher sehr belastend.
– Die „Filteranlage“, die für die Unterscheidung von wichtigen und unwichtigen Informationen zuständig ist und bei Autisten sowieso schon nur eingeschränkt oder gar nicht funktioniert, geht dann gar nicht mehr. Viel Geräusch und Gerede kann dann noch viel schlechter sortiert werden und auch all die Kompensationsstrategien, die im gesunden Zustand funktionieren, sind dann mit „krank“…nichts geht mehr. Darum kann zu sehr umsorgt werden eher zum Overload führen als in Ruhe gelassen werden.
– Manche Autisten mögen aber Fieber ganz gerne, weil sie ihren Körper dann besser spüren, genau merken, wo ihre Körperteile sich befinden und wie sie sich gerade anfühlen. Und manchmal dämpft Fieber auch ein wenig die Wahrnehmung, wie durch einen Schleier bekommt man dann alles mit. Also Kranksein ist nicht immer nur schlecht.
– Eine verstopfte Nase ist auch schlimm, weil Atmung anders ist, liegen dann nicht angenehm ist und es keine richtige Position zum Ausruhen gibt.
– Auch werden gerade kleine Autisten oft grantig, wenn sie krank sind, weil sie merken, dass mit dem Körper und dem Kopf etwas anders ist, etwas, das sich gar nicht gut anfühlt. Und dann weiß man ja auch nicht, ob das wieder weg geht, wie lange das so bleibt und wann sich das alles wieder „richtig“ anfühlt. Und ob sich das überhaupt irgendwann mal wieder „richtig“ anfühlt! Also ganz viele Unsicherheiten, die eben auch Angst machen können!
Ich gönne meinem Kind dann einfach eine Auszeit, ich bedränge es nicht mit „Umsorgungs-Maßnahmen“, sondern vermittle ihm, dass ich da bin, dass es ok ist, wenn es seine Ruhe haben will und dass ich gerne mit ihm spiele oder singe oder was auch immer, wenn es das möchte und sich dazu in der Lage fühlt. Ansonsten: ausruhen, igeln, liegen, Lieblingssachen machen und allein sein dürfen.
Ich mag dann auch einfach meine Ruhe haben. Ich bin dann schon froh, wenn jemand da ist und mir hilft, wenn ich Hilfe brauche und um Hilfe bitte, ansonsten mag ich dann einfach nur schlafen und ausruhen.
Auch der Gang zum Arzt ist krank noch viel schlimmer wie im „Normalzustand“. Weil Arzt dann Stress ist: der Weg dorthin, viele Menschen und Geräusch im Wartezimmer, angefasst werden, nicht genau wissen, was wichtig ist zu sagen und was nicht, und auch nicht wissen, ob man schon krank genug ist, um zum Arzt zu gehen und ob das nicht einfach von selbst wieder weg geht. Meistens warte ich ab, ob das von selbst wieder weg geht, wenn nicht, dann überlege ich lange, ob ich zum Arzt gehen KANN, ob das überhaupt auszuhalten ist, oder noch mehr Stress und somit noch mehr krank macht.

Auch ist es schwierig, mit seiner Krankheit von Ärzten und anderen Personen ernst genommen zu werden, weil Autisten oft nicht gut sind im Jammern. Einmal gesagt, dass man krank ist, ändert sich das so lange nicht, bis anderes gesagt wird und ist für Autisten auch nicht notwendig, das zu wiederholen, weil es ja schon gesagt wurde.
Wenn der Arzt fragt, ob etwas weh tut, kann die Antwort – auch unter großen Schmerzen – auf Außenstehende unbeteiligt wirken: weil ich sowieso meisten gleich „aussehe“, weil ich den Jammerton nicht kann und weil ich scheinbar von großen Schmerzen so erzähle, wie andere übers Wetter reden, also scheinbar für Außenstehende kein Schmerz „sehbar“ ist. Darum wird gerne unterstellt, dass es ja soooo schlimm nicht sein kann. Das kann dann sehr verunsichernd sein, denn man hat ja zuvor schon überlegt, ob Arzt überhaupt auszuhalten ist, ob man schon krank genug ist, um zum Arzt zu gehen und dann besteht (mal wieder) die Gefahr, mit seiner Erkrankung nicht ernst genommen zu werden, weil man nach außen hin noch funktioniert. Die meisten Autisten, die so zum Arzt gehen, haben dann ein massives Problem: die Erkrankung wird nicht ernst genommen und dementsprechend im schlimmsten Fall nicht richtig versorgt und der Autist lernt, das Arztbesuche zu all der anderen Belastung oftmals so frustrierend sind, dass es besser ist, krank zu Hause zu bleiben.

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3 Gedanken zu „Wenn Autisten krank sind…

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