Arztbesuche

Ich könnte jetzt erst einmal ausführen warum ich „Besuch“ nicht angemessen finde, denn es wird auch im Zusammenhang mit Freunden verwendet, aber so heißt das wohl eben auch beim Arzt.

Ich werd grad echt ganz kirre vom Arzt gehen weil es einfach nicht klappt, dass ich sagen kann was los ist selbst mit Zettel ich entweder ignoriert werde oder das erst genannte Symptom das einzige ist was interessiert, Verschlechterung egal ist oder sonst was und das trotz MRT- und Laborbefunden. Deswegen woll heute das mal anschreiben (heißt das dann so, es gibt ja ansprechen, hmm).

Ok, ich könnte jetzt schreiben immerhin interessiert ein Symptom, das hatte ich auch schon anders. Aber es wird wirklich in letzter Zeit immer mehr und beeinträchtigt immer mehr, hab fast etwas Sorge dass irgendwann nicht mehr zum Arzt gehen kann. Und nein, ich sitze dann nicht weinend da oder rede stundenlang wie schrecklich alles ist sondern warte erstmal ab ob von allein weg geht. Und wenn nicht irgendwann sage dann so und so ist das. Das kann ich auch in sehr sachlich kurz und ohne weinen (das wird zwar manchmal offenbar gern gesehen, aber leider meist nicht ernst genommen). Und ja trotzdem kann es „schlimm sein“. Ganz davon abgesehen das mich die ganzen Symptome so überwältigen weil alles anders dass ich froh bin wenn ich überhaupt hingehen und dann auch noch was sagen kann, zusätzlich so viel nicht planbar, hinfinden, Gerüche, Geräusche evtl. angefasst werden oder was nicht alles. Der letzte Test führte dazu, dass ich mich plötzlich ganz anders fühlte (ok besser geb ich gern zu, aber trotzdem plötzlich anders und ohne Vorbereitung weil ich dazu keine Info bekam), so stark hätte ich das nach Eigenrecherche was der Test evtl. bewirkt nicht erwartet. Interessiert hat es beim Arzt keinen. Ach und Werte außerhalb des Normbereichs sind ja ok auch wenn Symptome die dazu passen da sind, da muss man nix tun. Frag mich ja schon wozu es Normbereiche gibt wenn sie dann nicht interessieren. Wenn man Ärzte darauf hinweist mögen die das meist nicht. Komischer Weise wird man oft nach Beruf gefragt vorher, wüsste gern mal warum. Wenn ich dann sage ich verstehe davon was, ist es ja offenbar auch nicht recht wenn ich eigene Ideen sage was es sein könnte.

 

Dinge die für Autisten wg. Arzt evtl. schwierig sein können (weil nicht alle gleich sind):

  • Symptome führen dazu dass sich Körper etc. nicht so anfühlt wie sonst, dass allein braucht schon zusätzlich Energie
  • Schwierig zu wissen ab wann etwas „schlimm“ ist so dass man zum Arzt gehen sollte (komischer Weise gehen einige ja auch davon aus dass Autisten weniger Schmerzen fühlen nur weil sie es weniger mitteilen; evtl. fühlen manche Autisten weniger Schmerz aber durchaus denke ich das weniger mitteilen kommt auch von sozialen Aspekten her, man weiß evtl. nicht wann was sagen oder mag nicht da in anderen Bereichen wie wg. laut tun Ohren weh wird’s auch ignoriert, also warum sagen etc.).
  • Termin per Telefon ausmachen
  • vieles kaum planbar
  • Viele unbekannte und unberechenbare Sinneseindrücke wie Geräusche, Gerüche, Anfassen etc.
  • Viele Menschen, viele neue Menschen
  • Unbekannte Abläufe und Situationen
  • Was wie mitteilen, dass es geglaubt wird und „richtig rüber kommt“
  • Wirkungen von Medikamenten evtl. anders und Angst machend wenn nicht genau bekannt wie mit Medikament fühlen

 

Dinge die bei Autisten evtl. anders sind wenn sie beim Arzt sind:

  • Sie, obwohl schon stärkere Symptome, recht „spät“ kommen
  • Schmerzen weniger stark angeben werden als sie sind bzw. im Vergleich mit anderen wären
  • Schwierigkeiten haben zu sagen wo es genau weh tut oder wie der Schmerz ist (nicht wundern wenn evtl. gefragt wird ob man eine Schmerzart vormachen kann)
  • Sehr sachlich sind obwohl stark Symptome
  • Sachen evtl. nur 1x sagen und trotzdem ist wichtig
  • Sie zuhören obwohl sie Sie nicht angucken
  • Sie meist verstehen auch wenn Schwierigkeiten mit Sprechen
  • Sie zurückzucken wenn Sie sie anfassen (Ankündigungen können helfen)
  • Sie gern genaue Information haben möchten um zu verstehn was „mit Ihnen getan wird“

 

Dinge die manchmal helfen:

  • Online Terminvereinbarung nutzen
  • Dinge man sagen mag auf Zettel schreiben zum Vorlesen
  • Zettel dann auch mitnehmen und dran denken vorzulesen oder zumindest dem Arzt zu geben wen sprechen nicht mehr geht
  • Sagen das man Autist ist (hilf selten, vermutlich weil viele Ärzte nicht genau wissen was Autismus ist aber es nicht zugeben können) und deswegen direkt sagen was dann anders und hilfreich (z.B. direkte kurze sachliche Kommunikation)
  • Dinge mehrfach sagen auch wenn man sich dann komisch vorkommt (Ärzte etc. scheinen es oft zu „brauchen“ das man etwas oft sagt damit ihnen klar wird es ist wirklich wichtig)
  • Schmerzskala nutzen (das machen auch manche Ärzte schon von 0-10; einen Vergleichsschmerz angeben, z.B. als Fuß gebrochen war es 5, jetzt 7, denn allein die Skala nutzt nicht immer etwas wenn man andere „Sichtweise“ / Vergleich hat)
  • Wichtige Dinge sich vom Arzt schriftlich geben lassen um zu Hause in Ruhe lesen
  • Vertrauensperson mitnehmen (mir aber sehr unangenehm deswegen nie jemand fragen mag, vllt. muss an mir arbeiten, wie auch bei mehrfach sagen etc.)

 

Ich weiß nicht ob es Euch auch so geht, ob ihr das besser hinbekommt. Wäre toll wenn Ihr weitere Anmerkungen oder Tipps habt für alle da draußen, wir fügen die dann auch in obere Listen hinzu wenn ihr mögt, so dass eine Art Sammlung entstehen kann.

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gerecht sein und nicht lügen

da es momentan 73 Beiträge hier sind und ich die 3 in Komischorange sehe und überhaupt 3 komisch ist und mir jetzt dauernd im Kopf rumtanzt braucht es noch einen Beitrag. Zur Zeit geht mir eine große Ungerechtigkeit, die leider auch mit Lügen verbunden ist, sehr nahe.

gerecht sein und nicht lügen – ja so sollen alle Menschen sein, wird einem schon als Kind so beigebracht. Erfolgreich?

Ich würde sagen nein.

Vllt. auch weil es meist ganz anders vorgelebt wird.

Ungerechtigkeit und Unwahrheit finde ich nahezu unerträglich. Dabei ist es egal ob es mir „passiert“ oder anderen, es geht da auch soweit, dass ich Nachteile haben kann, wie beispielsweise in einer Klausur in der Schule wo ein Fehler von mir übersehen wurde und ich es sagte, ich bekam dann eine Note schlechter. Ungerechtigkeit löst bei mir wirklich körperliche Reaktionen aus und laugen mich aus. Je weniger die Person die die Ungerechtigkeit / Unwahrheit verursacht hat Einsehen zeigt oder so etwas, desto mehr habe ich den Eindruck, evtl. schon fast eine Art Hilflosigkeit die daraus resultiert oder Ohnmacht etwas zu ändern bzw. ändern zu können in irgendeiner Art und Weise, evtl. wenigstens für die die nach mir kommen.

Das die Welt nicht gerecht und ehrlich zu geht wird den meisten recht schnell klar sein denke ich. Ok, mir nicht ganz so schnell weil ich erst wirklich viel geglaubt habe da ich mir lange nicht vorstellen konnte dass jemand Dinge erfindet oder so.

Die Frage ist was man draus macht, also aus dieser Welt. Ich traf zwar auch auf Autisten wo ich diesbezüglich ein komisches Gefühl hatte, aber dennoch habe ich den Eindruck die Mehrheit der Autisten hat ein sehr stark ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Ähnlich dem Lügen bzw. starkes Wahrheitsempfinden/Verlangen. Ganz davon abgesehen, dass man sich echt viel merken müsste was man alles erzählt hat etc. ist lügen einfach nicht ok. Was resultiert denn daraus? Man weiß eigentlich gar nicht mehr ob die andere Person jetzt schon wieder lügt oder grad mal die Wahrheit erzählt. Das ist extreme Unsicherheit und kein gutes Gefühl um Vertrauen auf zu bauen. Kleinen (und großen) Autisten könnte man dies wirklich erklären bzw. sollte dringend. Ich habe das lange nicht verstanden, dass es offenbar für viele einfach „dazu gehört“ zu lügen. Und das deutlich häufiger als viele sagen (oder ihnen bewusst ist?) und während sie parallel erzählen „man soll nicht lügen“. Also selbst nicht an die Regel halten das ist sehr verwirrend und auch beängstigend. Sicherheit ist sehr wichtig, v.a. als Kind, in einer unberechenbaren Welt sind Ungerechtigkeit und Lügen etwas was die Welt noch angsteinflößender machen kann. Auf welche Aussage kann man sich verlassen? Wenn Gerechtigkeit im Kleinen nicht funktioniert funktioniert sie dann im Großen? Ich hatte nach Tschernobyl lange Zeit Angst vor einem Atomkrieg mit ganz üblen Albträumen, ein Teil der Erklärung warum ist, dass ich echt nicht sicher war ob die Leute alle es wirklich so meinten wenn sie sagen es gäbe keinen, schließlich gab es schon viele Kriege und dauernd sagt quasi jeder er will keinen, was soll man da denken mit 6 Jahren…

Ich habe das ganz lange nicht verstanden und tue es in sehr vielen Bereichen bis heute nicht. Warum muss jemand eine Geschichte „größer“ machen als sie war? Ist die Person so unsicher und denkt sie bekommt mehr Aufmerksamkeit? Warum sagt sie nicht „ich möchte gern mehr Aufmerksamkeit“? Warum sagen Leute sie hätten etwas getan obwohl sie es nicht haben? Jeder vergisst mal was, ja doof aber passiert. JEDEM. Warum gehen manche „mit Ellenbogen“ vor ohne Rücksicht oder gerecht handeln? Wollt ihr denn nicht auch gerecht behandelt werden? Und für Leistung belohnt und nicht für Ellenbogenlänge? Warum streiten manche Dinge ab die sie getan haben? Keine Verantwortung für Fehler übernehmen? Nicht aus Fehlern lernen? Ich finde Fehler zwar schade aber nicht so schlimm wie Fehler nicht zu sehen/sehen wollen und nicht zu lernen. So gibt es ganz viele Beispiele die im ganz Kleinen anfangen, dass man wenn man eine Verabredung hat und einfach zu müde ist dann aus einem anderen Grund absagt. Also mir darf jeder sagen wenn er/sie zu müde ist!

Früher sagte ich immer, also ganz immer, mein ich ernst, die Wahrheit: „das Geschenk gefällt mir nicht“ „keine Lust“ etc. Mittlerweile gibt es davon ganz wenige Ausnahmen muss ich zugeben, manche mögen es als Notlüge bezeichnen, manche als um Wahrheit drum herum schiffen. Beispielsweise jemandem geht es offenbar nicht gut und fragt mich dann ob ihm/ihr der neue Pulli steht. Ich muss nicht sagen du siehst super aus, aber eben auch nicht du siehst scheiße aus, auch wenn es evtl. zutrifft. Mir wurde schon mehrfach gesagt man schätzt das an mir, dass ich ehrlich bin. Ich glaube (und hoffe andere sehen es ebenso) ungerecht war ich noch nie. Ich wurde sogar schon mehrfach zum Schlichten herangezogen weil ich ganz gut neutral von außen eine Sache betrachten kann und trotzdem auch Emotionen beider Seiten einbeziehe.

Auch wenn Autisten manchmal Nachteile davon haben und es meist extrem unangenehm ist, vllt. ist das eine Stärke der meisten Autisten, die die Welt etwas gerechter und wahrer macht und nicht nur deswegen genutzt werden sollte.

Liebe Eltern und Angehörige etc. evtl. seht ihr das nächste Mal auch diesen Teil von „wenn du aus dem Glas vorher getrunken hast mag ich nicht mehr draus trinken weil das nach Rauch riecht“ (das war eine Aussage die meine Mutter verletzte (was mir wirklich Leid tut), da sie sich zurückgewiesen fühlte; es war aber nur die Aussage dass ich den Zigarettenrauch noch riechen konnte (und sie nicht) wenn sie vorher getrunken hatte (und ich auch die Spucke eklig fand), es hatte aber nichts mit ihr als Person zu tun, sondern war nur die ehrliche Antwort auf die Frage warum ich mir ein neues Glas holte).

Muttersprache

Durch den anderen Text zu „sich verkaufen können“ bin ich auf dieses Thema gekommen. Mich würde auch interessieren wie andere Autisten das fühlen. Ich habe spät angefangen zu sprechen, das war dann schon meist deutsch. Ich muss aber sagen sprachlich bewusst wurde mir vieles erst später (und einiges immer noch nicht) da ich hauptsächlich in Bildern (und Geräuschen und Temperaturen) denke und dann Wörter dazu auswendig lernte um es von meinen Kopfbildern für andere zu übersetzen. Umgekehrt Wörter von anderen in meinem Kopf übersetzen für Verstehbild. Als mir Sprache mehr bewusst wurde hatte ich schon Englisch in der Schule und Verwandtschaft in Spanien wo ich etwas Spanisch hörte las und sprach. Dazu kommt noch Körpersprache von Nichtautisten die ich ja auch lernen musste. Vor dem Spiegel von anderen abgeguckte Dinge üben. Immer wieder. Immer Neues. Manchmal frag ich mich schon ob das Nichtautisten bewusst ist, dass Autisten quasi mind. zweisprachig aufwachsen da sie Körpersprache ja auch immer parallel lernen müssen. Und Körpersprache ist sehr schwer zu lernen, viele Dinge sind ähnlich haben aber unterschiedliche Bedeutungen je nach Person und Situation. Weinen kann Trauer und Freude heißen. Beim Lachen gucken ob Augen mitlachen, sonst könnte „falsches Lachen“ sein. Es ist wichtig wo deine Hände sind, mancher Händeort ist unhöflich. Die Distanz zu anderen Personen hat große Rolle, es gibt zu weit weg und zu dicht. Etc.etc. Das ist schon ziemlich viel! Ich könnte nicht sagen was wirklich meine Muttersprache ist (davon abgesehen dass ich oft mit meinen Vater sprechen geübt habe; hehe kleiner Scherz am rande, meist lernt man aber schon viel Sprache von der Mutter vermutlich weil man im Durchschnitt meist mehr Zeit mit ihr verbringt vermutlich heißt das deswegen muttersprach). Vermutlich würden die meisten sagen trotzdem ist deutsch meine Muttersprache. Viele begründen das damit weil sie zu diesen Sprachen „intuitiven“ Zugang haben. Ich habe das nicht. Zu keiner Sprache. Auch zu Körpersprache nicht. Es ist alles ein bewusstes Handeln, das zwar hab ich den Eindruck mittlerweile nach Jahren üben ab und zu automatisiert abläuft aber da darf dann auch sonst nichts dazwischen kommen. Mittlerweile merkt das vermutlich kaum einer mehr, nuja sagen wir an den meisten Tagen, manchmal fehlen zu viele Wörter und Mimik/Gesten für incognito.

Sich ‚gut verkaufen können‘

Gerade in letzter Zeit sher aber immer wieder mal fällt es mir auf, dass es offenbar sehr wichtig ist sich „gut zu verkaufen“, sprich dass andere erfahren was man alles kann und wie gut man ist. Meine Erfahrung die letzten Jahre zeigt mir eher in die Richtung, dass dies bei Autisten oft nicht so gut klappt. Wenn Autist gefragt wird, sagt sie/er eher etwas in Richtung ja kann ich/kann ich nicht oder auch sie/er weiß es gibt noch viel mehr zu wissen und beschreibt sein/ihr Wissen eher nicht so groß gut wie evtl. ein Nichtautist vergleichbares beschreiben würde.

Als Beispiel Sprachwissen. Ich schreibe im Lebenslauf Englisch sehr gut, aber auch noch nicht lange, vorher habe ich gut geschrieben, gesagt wurde mir ich soll fließend schreiben. Hat mich sehr gewundert da mir ab und zu Wörter fehlen und ich dann kurz überlegen muss zum Umschreiben und das ja dann nicht fließend ist. Erst neulich wieder habe ich jemanden Englisch reden gehört, es war ok, aber ich würde es vermutlich noch nicht einmal als gut bezeichnen, in seinem Lebenslauf den ich durch Zufall sah stand fließend. Ich finde fließend ist schon nahe an muttersprachlich dran und meint wirklich fließend in allen Lebenslagen. Es gibt viele weitere Beispiele. Mir ist bewusst, dass man im Lebenslauf sich „verkauft“ und sich das gut lesen muss. Allerdings finde ich es sehr wichtig, dass das auch wirklich möglichst genau und richtig ist. Ich überlege zum Beispiel auch ob ich Kenntnisse die ich seit Jahren nicht aufgefrischt habe wieder rauslösche da ich vermutlich vieles nicht mehr wirklich weiß bzw. eine Zeit benötigen würde bis ich wieder „drin bin“. Nichtautisten sagten mir dass soll ich nicht tun. Komisch. Mein Versuch einer möglichen Erklärung wäre, dass es Autisten evtl. allgemein sehr wichtig ist möglichst genaue Angaben zu machen und deswegen das sehr vorsichtig formulieren. Auch möchten sie nicht „lügen“ wobei Kenntnisse die man so gar nicht hat für viele evtl. dazu gehören. Ein weiterer Punkt könnte sein, dass sich Autisten schwer einschätzen können, eh schon und mit dazu gehört offenbar auch, dass es anscheinend einen Unterschied macht ob man sich selbst einschätzt oder in Bezug auf andere. Da gibt es dann für diese quasi zwei „richtig“: ich kann etwas gut und ich kann dieses etwas besser als viele andere und kann deswegen schreiben ich kann das sehr gut. Sehr verwirrend! Außerdem kommt bei vielen noch hinzu, dass sie wenn sie etwas erreichen möchten verschiedene Mittel anwenden und damit erfolgreich sind, beispielweise weinen oder sehr vehement sein/“Ellenbogen“ nutzen auch wenn es auf Kosten anderer geht. Also ich möchte lernen mich besser zu verkaufen, aber nicht mit solchen Mitteln.

Bei Kindern ist es ähnlich, beispielweise in der Schule. Ich denke bei mündlichen (Noten) brauche ich gar nicht schreiben dass es da wichtig ist sich gut verkaufen zu können. Aber auch bei Schülern die „auf der Kippe stehen“ zwischen zwei Noten macht der persönliche Eindruck und die Erwartungshaltung der Lehrer leider viel aus. Es gibt beispielsweise eine Studie in der man mit Kindern einen IQ Test gemacht hat. Unabhängig davon wie dieser ausging hat man den Lehrern Rückmeldung gegeben welche Kinder durch ihr gutes Ergebnis wohl besonders von Unterricht profitieren. Und siehe da, am Ende hatten diese bei einem zweiten Test nach einiger Zeit wirklich höhere Werte. Vermutlich allein weil die Lehrer dachten die sind gut sich evtl. intensiver mit ihnen beschäftigt und positiver gesehen haben oder sonst etwas. Umgekehrt kennt man solche Effekte leider auch, beispielweise bei Schullaufbahnempfehlungen. Teilweise geht es dabei auch über das sich gut verkaufen können der Kinder hinaus und das gut verkaufen können der Eltern kommt hinzu und/oder andere Effekte spielen mit rein. Es soll nur Beispiele sein was da alles beeinflussen kann.

Wenn man sich dessen bewusst ist könnte man evtl. Vertrauenspersonen dazu befragen indem man ihnen beschreibt was man kann und wie man das richtig aber auch gut für Lebenslauf (oder woanders) beschreibt. Oder man könnte Trainings dazu anzubieten. Ich denke auch nach einer Bewerbung oder Vorstellungsgespräch, beispielweise bei Gehaltsverhandlungen oder Weiterbildungen und allgemein ist es doch immer wieder wichtig das zu können. Ich finde es nach wie vor extrem schwer obwohl ich mir dessen mittlerweile bewusst bin.

Gefühle soweit die Gedanken reichen?

Wir haben ja schon mehrmals darüber geschrieben wie es so ist mit Gefühlen und Autismus (z.B. https://meerigelstern.wordpress.com/2014/06/10/autisten-haben-doch-keine-empathie-oder/ ), da ja leider immer noch viele Menschen der Meinung zu sein scheinen wenn er/sie/intersex die Gefühle nicht sofort sieht und/oder deuten kann hätte die andere Person keine und schon gar nicht könne diese Empathie für die Gefühle anderer haben oder mitfühlendes Verhalten zeigen. Weit gefehlt! Nicht nur gehen neue wissenschaftliche Thesen (siehe beispielsweise die ‚intense world theory‘ von Markram und Markram) von starken Emotionen bei Autisten aus, immer wieder schreiben und sagen Autisten, dass es nicht so ist wie Vorurteile leider viele glauben lassen.

Heute von mir einmal ein etwas anderer Blick darauf, und zwar in Bezug auf Pflanzen und Dinge. Das habe ich glaube ich noch keinem Nichtautisten berichtet, da ich etwas Angst hatte diejenigen kämen wieder mit einem Vorurteil, ja bei Dingen geht das, aber nicht bei Menschen. Doch offenbar geht „es“ bei mir bei allen Lebewesen und auch Dingen. Ich habe starke Gefühle bei Tieren incl. Menschen so dass es mir manchmal vorkommt wie eine „Gefühlswand“ oder eine LKW-Ladung voll Gefühle die über mich hereinbrechen, nicht selten viel zu viel davon. Da entstehen dann soziale Schwierigkeiten nicht von keine Emotionen, sondern von zuvielen weil man nicht hingehen kann wo andere sind weil zu überwältigend.

Aber heute wollte ich ja etwas schreiben zu Gefühlen zu Pflanzen und Dingen. Ich lebe und esse oft vegan aus vielen Gründen, ja sicher einer davon ist auch das Wohl der Tiere. Warum ich hier davon anfange ist der, dass mir Pflanzen auch sehr leidtun wenn sie für mich geschnitten werden oder ähnliches. Es gibt nicht nur erste Hinweise darauf das auch Pflanzen so etwas wie ‚Angst‘ verspüren können sondern wie man schon lange weiß reagieren Pflanzen natürlich auch wenn sie abgeschnitten etc. werden. Ja, anders als viele andere Lebewesen, aber dadurch weniger beachtenswert? Sehr schwierig. Ich bin nicht sicher inwieweit sie Schmerz oder wirkliche Angst verspüren können, aber ich fühle trotzdem mit. Natürlich kann man nicht aufhören zu essen und wir sind noch nicht soweit, dass wir keine Lebewesen mehr töten müssen um zu überleben, aber ich möchte, dass sie möglichst aus ‚artgerechter Haltung‘ kommen und nicht unnötig leiden müssen. Auch wenn ein Baum gefällt wird tut mir das für ihn sehr Leid und ich finde man sollte genau überlegen ob es wirklich nötig ist (z.B. weil er schon ganz krank und morsch ist und bald umfällt und dann evtl. noch einem anderen Lebewesen schadet) und dann möglichst schnell und ohne andere Lebewesen zu beeinträchtigen tun. Auch kann ich gar nicht verstehen wie Menschen wenn sie Pflanzen nicht mehr mögen sie zum Sterben irgendwo hinstellen, zum Erfrieren oder Verdursten etc. Ich finde das ganz schrecklich und habe schon einiger solcher Pflanzen ‚eingesammelt‘.

Ich trage Kleidung möglichst auf weil ich das sinnvoll finde und auch ungern neues habe. Wenn ich dann etwas wegwerfen muss tut es mir für die Sachen Leid, zum Beispiel sagte/dachte ich danke für treue Dienste und die Zeit mit dir zu einer Hose neulich. Es scheint mir als hätte ich Mitgefühl für die Hose die dann bei dem Müll liegt und ganz allein ist und im Dunklen Stinkigen Kalten etc. Natürlich kommt da auch dazu, dass es schade ist weil man das gern angezogen hat, aber es scheint mehr zu sein. Ich entschuldige mich auch bei Ecken die ich nie kannte wenn ich gegen sie gestoßen bin, so aus „heiterem Himmel“ ohne Vorwarnung Kontakt, das ist ja nicht angenehm. Ich mache das in Gedanken, weil laut finden Leute komisch. Manchmal kommt mir es in Bezug auf Dinge selbst etwas merkwürdig vor, aber ich finde lieber danke ich mal meiner treuen Hose als das ich keine Rettungsgasse bilde oder Ähnliches, denn sowas mache ich nicht, das finde ich nicht nur merkwürdig, sondern einfach nur respektlos gegenüber dem Leben.

von Wasser und Feuer

Manche wissen ja evtl. schon dass ich tauche. Heute ein anderes Thema was manche evtl. verwirren mag – ich bin Autist und bei der Feuerwehr.

Jetzt mögen manche evtl. denken, ach das glaube ich nicht, die Feuerwehr nimmt ‚die‘ ja bestimmt nicht oder aber auch kannst kein Autist sein sonst könntest, evtl. wolltest, das ja gar nicht. Keine Empathie, unsozial und sowieso in eigener Welt oder so gell?!

Ach wirklich? dass ist oft so ’nett‘ das viele wissen was ich kann, bin oder möchte. Das finde ich übrigens ziemlich verwirrend, in dieser Welt verwirrend und von den anderen etwas unempathisch und unsozial. Ich habe schon immer gern geholfen und bin u.a. dafür über meine Grenzen gegangen. Als Autist muss man das eh oft, ja das pauschalisiere ich jetzt einfach mal. Bei der Feuerwehr kann man helfen: retten, löschen, bergen, schützen. Aber es ist auch Geräusch, Lichter und Geruch und viel sozial undund, über Grenzen gehen.

Nuja wie geht das denn mögen sie sich evtl. fragen. Ja ich gebe zu es ist wirklich auch anstrengend. Ich wusste erst nicht ob ich das schaffen kann. Schöner Weise hat es sich herausgestellt, dass ich es kann. Es auch ok ist wenn ich nach Übungen nicht immer noch bleibe was nicht daran liegt, dass ich die Leute dort nicht mag. Und ganz ehrlich, Autisten fühlen viel Geräusch und Licht und Emotionen und alles, da dachte ich kann ich wenigstens für was Sinnvolles überreizt werden. Spaß beiseite bzw. auch nicht. Wisst ihr was unglaublich praktisch ist, das Vorgehen, es gibt klare Strukturen bei quasi allem und ‚ungewöhnliche‘ Lösungen kann man auch brauchen etc., also würde es doch irgendwie ‚gut passen‘.

Und ja man möchte es nicht glauben ich habe Autismusdiagnose, sogar mehrfach unabhängig. Tja, also bei der G26.3 (Tauglichkeitsuntersuchung für Atemschutzgeräteträger) wusste man davon und ja, ich darf ‚trotzdem‘ bzw. erfreulicher Weise hat es quasi nicht interessiert, nur kurze Frage ob ich es mir zutraue etc.

Feuerwehr ist unglaublich wichtig, interessant, es fehlt oft Nachwuchs, man kann Gutes tun und auch nette Menschen kennen lernen etc. Wusstet ihr dass ca. 94% der Feuerwehrmenschen in Deutschland freiwillige sind? Ach und eine meiner ersten Lernerfahrungen dort, Feuer sind Nutzereignisse und Brände Schadereignisse, also eigentlich müsste es Brandwehr heißen und in der Überschrift von Wasser und Bränden, aber ich fands auch so nett zu lesen, ich kann nur soviel sagen, ich merke immer mehr wie viel ich noch lernen kann, ist also auch ein feines Wissensammelgebiet.

Vllt. fragen sich jetzt einige warum schreibt Meerigelstern das jetzt hier. Nuja ich dachte mal ich schreib das ohne zu wiederholen was mir schon alles gesagt wurde was ich ’sicher nie können würde‘. Das heißt nicht, dass jeder Autist alles kann. Aber ihr könnt mehr als viele denken, evtl. sogar mehr als ihr im Moment denkt – gebt eure Wünsche und Träume nicht auf auch wenn es manchmal schwierig ist!

Vom „Bilderessen“ zum Schreiben auf dem Talker

Noch vor 2 Jahren hat mein Sohn Bildkarten „gegessen“ und zerrissen.

Wir haben in ganz vielen Schritten, die aufeinander aufbauen, daran gearbeitet, dass er überhaupt erst versteht, dass Bilder und dann auch Worte überhaupt Sinn machen.

1. Schritt: Objekt zu Objekt zuordnen

Ich habe im Haushalt nach Dingen gesucht, die „wichtig“ sind, z.B. Tasse, Teller, Besteck, Socken, Kochlöffel usw. Verwenden kann man da eigentlich wirklich alles. Von allen Objekten hatte ich jeweils 2 und dann haben wir als 1. Schritt geübt, Objekt zu Objekt zuzuordnen. Ich habe immer 3 Objekte vor meinen Sohn gelegt (z.B. eine Tasse, eine Gabel und eine Socke) und ihm dann ein Objekt gegeben (z.B. die 2. Tasse), das er dann richtig zuordnen sollte. Die Objekte auch immer schön benannt.

2. Schritt: Bild zu Objekt und Objekt zu Bild

Im nächsten Schritt habe ich die Gegenstände, die wir zuvor zugeordnet haben, photographiert und laminiert (wegen der „Aufess-Gefahr“). Nun habe zunächst wieder 3 Objekte vor ihn gelegt und er sollte das entsprechende Photo zuordnen, dabei auch immer schön benannt, was das denn ist. Als dies gut geklappt hat und mein Sohn verstanden hatte, worum es geht, haben ich ihm umgekehrt die Photos vorgelegt und er hat die Objekte zugeordnet. So hat er verstanden, dass das auf dem Bild einem realen Gegenstand entspricht.

3. Schritt: Wörter zu den Bildern zuordnen

Als nächstes habe ich zu den bereits bekannten Bildern die passenden Worte ausgedruckt und diese laminiert. Wir haben dann geübt, die Wörter zu den Bildern zuzuordnen (wieder immer 3) und als das funktioniert hat, auch umgekehrt. Parallel haben wir in dieser Zeit das Alphabet geübt (ich habe dafür Holztafeln verwendet, auf denen die Buchstaben mit Sandpapier drauf sind, das hat meinen Sohn auch taktil interessiert). Zunächst von vorne nach hinten, immer nur 3 Buchstaben vorlegen und erst wenn diese 3 Buchstaben sicher waren, haben wir einen neuen dazu genommen. So hat er die Wörter, die er zu den Bildern zugeordnet hat, nicht nur auswendig gelernt, sondern nach und nach den Sinn der Buchstaben begriffen. Als die Großbuchstaben sicher saßen (auch durcheinander) haben wir das gleiche mit den kleinen Buchstaben geübt, als diese sicher waren, haben wir die Groß- zu den Kleinbuchstaben und umgekehrt zugeordnet, so konnte er verstehen, dass das die gleichen Buchstaben sind, eben nur in groß und klein.

4. Schritt: beliebte Dinge

Als nächstes habe ich dann Dinge, die er sehr gerne mag, photographiert und die entsprechenden Wörter dazu. Diese haben wir erst fleisig geübt. Als er die Bilder richtig deuten konnte, habe ich uns ein PECS-Board zugelegt (ein Holzbrett mit grobem Stoff bezogen und die Bilder mit Klettband versehen), auf das ich die beliebten Dinge angeheftet habe. Z.B. trinkt er gerne Müller-Milch, also war immer ein Bild mit der Müller-Milch auf dem PECS-Board. Immer, wenn er Milch trinken wollte, musste er erst das Bild von diesem Board nehmen und mir geben (zu Anfang mit gaaaaaaaanz viel Hilfestellung) und bekam dann erst seine Milch. Zunächst nur 3 Bilder auf dem Board (das war sein überschaubarer Rahmen), dann immer mehr.

5. Schritt: Bilder am Kühlschrank

Die Lieblingsbilder habe ich immer mehr erweitert und dann Teppichfliessen am Kühlschrank befestigt. Zu den Bildern, die er häufig genutzt hat, habe ich die passenden Wörter daneben geheftet. Zunächst bekam er noch mit dem Bild, was er verlangt hat, später wollte ich dann das Wort. (Wir haben das parallel auch immer wieder geübt).

6. Vom Bild zum Wort:

Als er immer häufiger die Wörter genutzt hat und die Bilder zunehmend uninteressanter geworden sind, habe ich die Bilder nach und nach entfernt und durch Wörter ersetzt. Die Bilder hingen dann überall. Auch Bilder wie Badewanne, Dinge die er essen mag (essen bestimmen fand er dann total toll), Getränke, Wege, die er gerne spazieren mag usw.. So hat er verstanden, dass er bestimmen kann, was er tun möchte und dass er verlangen kann, was er gerade z.B. essen oder trinken mag. Fand er schliesslich viel praktischer, als ewig etwas falsches zu bekommen und sich immer wieder aufzuregen, weil Mama wieder nicht gleich verstanden hat, was er möchte.

7. Talker:

Als die Bildkarten nicht mehr ausreichten bzw. so viele wurden, dass ich nicht mehr wusste, wohin damit, sind wir auf den Talker umgestiegen. Zunächst nur wenige Dinge drauf, die er von seinen Wortkarten schon kannte. Wenn er nun etwas wollte, hat er mir das Wort gegeben und dann haben wir zusammen das gleiche Wort auf dem Talker gedrückt. Irgendwann wurde ihm dieses „doppelt gemoppelt“ dann zu doof, wir haben die Wörter dann nach und nach entfernt und nur noch am Talker das entsprechende Wort gedrückt. Die Worte sind auch mit Bildern versehen, so dass er sich an beidem orientieren kann.

8. Bilder alleine reichen nicht mehr:

Weil ich gemerkt hatte, dass er Wörter toll findet, habe ich damit begonnen, mit ihm mit Lego-Buchstaben Wörter nachzuschreiben, also ein laminiertes Wort vorgelegt, dann immer 3 Buchstaben (das bewährte 3-er System vom Anfang), so dass er lernen konnte, wie man aus einzelnen Buchstaben Wörtern zusammenfügt. Das ging bei meinem Sohn sehr schnell. Nachdem er es mit den Legos verstanden hatte, haben wir zunächst Worte dann am Talker nachgeschrieben, dann habe ich ihm Bilder gezeigt, und er sollte das Wort (mit Hilfestellung) auf dem Talker schreiben.

9. Plötzlich kamen die ersten „eigenen“ Worte:

Schliesslich reichte ihm das nicht mehr aus, um mir zu sagen, was gerade „los“ ist und ganz spontan hat er seinen Talker gebracht, keine Taste gefunden, die das sagen konnte, was ihm gerade wichtig war, und dann ist er aufs ABC-Programm und wollte meine Hilfestellung (Finger von Mama festhalten) um loszuschreiben. Und dann kamen fast wie von selbst die ersten Wörter. Jetzt kommen Wörter wie „langweilig“, „keine Lust“, „kaputt“, „müde“… er kann also jetzt auch seine Befindlichkeit ausdrücken und Dinge einfordern, wie „Ruhe“, „Pause“ usw.

Aber: wir haben täglich ein bissle geübt, nie zu viel, denn dann macht es keinen Spass mehr, sondern immer in kleinen „Häppchen“… klingt jetzt vielleicht alles sehr viel, das ist auch eine Zusammenfassung der letzten 2 Jahre, aber die Geduld, die Arbeit und die Mühe hat sich dann doch gelohnt!