von Wasser und Feuer

Manche wissen ja evtl. schon dass ich tauche. Heute ein anderes Thema was manche evtl. verwirren mag – ich bin Autist und bei der Feuerwehr.

Jetzt mögen manche evtl. denken, ach das glaube ich nicht, die Feuerwehr nimmt ‚die‘ ja bestimmt nicht oder aber auch kannst kein Autist sein sonst könntest, evtl. wolltest, das ja gar nicht. Keine Empathie, unsozial und sowieso in eigener Welt oder so gell?!

Ach wirklich? dass ist oft so ’nett‘ das viele wissen was ich kann, bin oder möchte. Das finde ich übrigens ziemlich verwirrend, in dieser Welt verwirrend und von den anderen etwas unempathisch und unsozial. Ich habe schon immer gern geholfen und bin u.a. dafür über meine Grenzen gegangen. Als Autist muss man das eh oft, ja das pauschalisiere ich jetzt einfach mal. Bei der Feuerwehr kann man helfen: retten, löschen, bergen, schützen. Aber es ist auch Geräusch, Lichter und Geruch und viel sozial undund, über Grenzen gehen.

Nuja wie geht das denn mögen sie sich evtl. fragen. Ja ich gebe zu es ist wirklich auch anstrengend. Ich wusste erst nicht ob ich das schaffen kann. Schöner Weise hat es sich herausgestellt, dass ich es kann. Es auch ok ist wenn ich nach Übungen nicht immer noch bleibe was nicht daran liegt, dass ich die Leute dort nicht mag. Und ganz ehrlich, Autisten fühlen viel Geräusch und Licht und Emotionen und alles, da dachte ich kann ich wenigstens für was Sinnvolles überreizt werden. Spaß beiseite bzw. auch nicht. Wisst ihr was unglaublich praktisch ist, das Vorgehen, es gibt klare Strukturen bei quasi allem und ‚ungewöhnliche‘ Lösungen kann man auch brauchen etc., also würde es doch irgendwie ‚gut passen‘.

Und ja man möchte es nicht glauben ich habe Autismusdiagnose, sogar mehrfach unabhängig. Tja, also bei der G26.3 (Tauglichkeitsuntersuchung für Atemschutzgeräteträger) wusste man davon und ja, ich darf ‚trotzdem‘ bzw. erfreulicher Weise hat es quasi nicht interessiert, nur kurze Frage ob ich es mir zutraue etc.

Feuerwehr ist unglaublich wichtig, interessant, es fehlt oft Nachwuchs, man kann Gutes tun und auch nette Menschen kennen lernen etc. Wusstet ihr dass ca. 94% der Feuerwehrmenschen in Deutschland freiwillige sind? Ach und eine meiner ersten Lernerfahrungen dort, Feuer sind Nutzereignisse und Brände Schadereignisse, also eigentlich müsste es Brandwehr heißen und in der Überschrift von Wasser und Bränden, aber ich fands auch so nett zu lesen, ich kann nur soviel sagen, ich merke immer mehr wie viel ich noch lernen kann, ist also auch ein feines Wissensammelgebiet.

Vllt. fragen sich jetzt einige warum schreibt Meerigelstern das jetzt hier. Nuja ich dachte mal ich schreib das ohne zu wiederholen was mir schon alles gesagt wurde was ich ’sicher nie können würde‘. Das heißt nicht, dass jeder Autist alles kann. Aber ihr könnt mehr als viele denken, evtl. sogar mehr als ihr im Moment denkt – gebt eure Wünsche und Träume nicht auf auch wenn es manchmal schwierig ist!

Vom „Bilderessen“ zum Schreiben auf dem Talker

Noch vor 2 Jahren hat mein Sohn Bildkarten „gegessen“ und zerrissen.

Wir haben in ganz vielen Schritten, die aufeinander aufbauen, daran gearbeitet, dass er überhaupt erst versteht, dass Bilder und dann auch Worte überhaupt Sinn machen.

1. Schritt: Objekt zu Objekt zuordnen

Ich habe im Haushalt nach Dingen gesucht, die „wichtig“ sind, z.B. Tasse, Teller, Besteck, Socken, Kochlöffel usw. Verwenden kann man da eigentlich wirklich alles. Von allen Objekten hatte ich jeweils 2 und dann haben wir als 1. Schritt geübt, Objekt zu Objekt zuzuordnen. Ich habe immer 3 Objekte vor meinen Sohn gelegt (z.B. eine Tasse, eine Gabel und eine Socke) und ihm dann ein Objekt gegeben (z.B. die 2. Tasse), das er dann richtig zuordnen sollte. Die Objekte auch immer schön benannt.

2. Schritt: Bild zu Objekt und Objekt zu Bild

Im nächsten Schritt habe ich die Gegenstände, die wir zuvor zugeordnet haben, photographiert und laminiert (wegen der „Aufess-Gefahr“). Nun habe zunächst wieder 3 Objekte vor ihn gelegt und er sollte das entsprechende Photo zuordnen, dabei auch immer schön benannt, was das denn ist. Als dies gut geklappt hat und mein Sohn verstanden hatte, worum es geht, haben ich ihm umgekehrt die Photos vorgelegt und er hat die Objekte zugeordnet. So hat er verstanden, dass das auf dem Bild einem realen Gegenstand entspricht.

3. Schritt: Wörter zu den Bildern zuordnen

Als nächstes habe ich zu den bereits bekannten Bildern die passenden Worte ausgedruckt und diese laminiert. Wir haben dann geübt, die Wörter zu den Bildern zuzuordnen (wieder immer 3) und als das funktioniert hat, auch umgekehrt. Parallel haben wir in dieser Zeit das Alphabet geübt (ich habe dafür Holztafeln verwendet, auf denen die Buchstaben mit Sandpapier drauf sind, das hat meinen Sohn auch taktil interessiert). Zunächst von vorne nach hinten, immer nur 3 Buchstaben vorlegen und erst wenn diese 3 Buchstaben sicher waren, haben wir einen neuen dazu genommen. So hat er die Wörter, die er zu den Bildern zugeordnet hat, nicht nur auswendig gelernt, sondern nach und nach den Sinn der Buchstaben begriffen. Als die Großbuchstaben sicher saßen (auch durcheinander) haben wir das gleiche mit den kleinen Buchstaben geübt, als diese sicher waren, haben wir die Groß- zu den Kleinbuchstaben und umgekehrt zugeordnet, so konnte er verstehen, dass das die gleichen Buchstaben sind, eben nur in groß und klein.

4. Schritt: beliebte Dinge

Als nächstes habe ich dann Dinge, die er sehr gerne mag, photographiert und die entsprechenden Wörter dazu. Diese haben wir erst fleisig geübt. Als er die Bilder richtig deuten konnte, habe ich uns ein PECS-Board zugelegt (ein Holzbrett mit grobem Stoff bezogen und die Bilder mit Klettband versehen), auf das ich die beliebten Dinge angeheftet habe. Z.B. trinkt er gerne Müller-Milch, also war immer ein Bild mit der Müller-Milch auf dem PECS-Board. Immer, wenn er Milch trinken wollte, musste er erst das Bild von diesem Board nehmen und mir geben (zu Anfang mit gaaaaaaaanz viel Hilfestellung) und bekam dann erst seine Milch. Zunächst nur 3 Bilder auf dem Board (das war sein überschaubarer Rahmen), dann immer mehr.

5. Schritt: Bilder am Kühlschrank

Die Lieblingsbilder habe ich immer mehr erweitert und dann Teppichfliessen am Kühlschrank befestigt. Zu den Bildern, die er häufig genutzt hat, habe ich die passenden Wörter daneben geheftet. Zunächst bekam er noch mit dem Bild, was er verlangt hat, später wollte ich dann das Wort. (Wir haben das parallel auch immer wieder geübt).

6. Vom Bild zum Wort:

Als er immer häufiger die Wörter genutzt hat und die Bilder zunehmend uninteressanter geworden sind, habe ich die Bilder nach und nach entfernt und durch Wörter ersetzt. Die Bilder hingen dann überall. Auch Bilder wie Badewanne, Dinge die er essen mag (essen bestimmen fand er dann total toll), Getränke, Wege, die er gerne spazieren mag usw.. So hat er verstanden, dass er bestimmen kann, was er tun möchte und dass er verlangen kann, was er gerade z.B. essen oder trinken mag. Fand er schliesslich viel praktischer, als ewig etwas falsches zu bekommen und sich immer wieder aufzuregen, weil Mama wieder nicht gleich verstanden hat, was er möchte.

7. Talker:

Als die Bildkarten nicht mehr ausreichten bzw. so viele wurden, dass ich nicht mehr wusste, wohin damit, sind wir auf den Talker umgestiegen. Zunächst nur wenige Dinge drauf, die er von seinen Wortkarten schon kannte. Wenn er nun etwas wollte, hat er mir das Wort gegeben und dann haben wir zusammen das gleiche Wort auf dem Talker gedrückt. Irgendwann wurde ihm dieses „doppelt gemoppelt“ dann zu doof, wir haben die Wörter dann nach und nach entfernt und nur noch am Talker das entsprechende Wort gedrückt. Die Worte sind auch mit Bildern versehen, so dass er sich an beidem orientieren kann.

8. Bilder alleine reichen nicht mehr:

Weil ich gemerkt hatte, dass er Wörter toll findet, habe ich damit begonnen, mit ihm mit Lego-Buchstaben Wörter nachzuschreiben, also ein laminiertes Wort vorgelegt, dann immer 3 Buchstaben (das bewährte 3-er System vom Anfang), so dass er lernen konnte, wie man aus einzelnen Buchstaben Wörtern zusammenfügt. Das ging bei meinem Sohn sehr schnell. Nachdem er es mit den Legos verstanden hatte, haben wir zunächst Worte dann am Talker nachgeschrieben, dann habe ich ihm Bilder gezeigt, und er sollte das Wort (mit Hilfestellung) auf dem Talker schreiben.

9. Plötzlich kamen die ersten „eigenen“ Worte:

Schliesslich reichte ihm das nicht mehr aus, um mir zu sagen, was gerade „los“ ist und ganz spontan hat er seinen Talker gebracht, keine Taste gefunden, die das sagen konnte, was ihm gerade wichtig war, und dann ist er aufs ABC-Programm und wollte meine Hilfestellung (Finger von Mama festhalten) um loszuschreiben. Und dann kamen fast wie von selbst die ersten Wörter. Jetzt kommen Wörter wie „langweilig“, „keine Lust“, „kaputt“, „müde“… er kann also jetzt auch seine Befindlichkeit ausdrücken und Dinge einfordern, wie „Ruhe“, „Pause“ usw.

Aber: wir haben täglich ein bissle geübt, nie zu viel, denn dann macht es keinen Spass mehr, sondern immer in kleinen „Häppchen“… klingt jetzt vielleicht alles sehr viel, das ist auch eine Zusammenfassung der letzten 2 Jahre, aber die Geduld, die Arbeit und die Mühe hat sich dann doch gelohnt!

von Schuhen und Füßen

Viele fragen sich offenbar warum viele Autisten gern barfuß laufen, oft gleich wieder Schuhe ausziehen die man ihnen gerade angezogen hat, Schuhe ausziehen obwohl es eine soziale Situation ist in der „man keine Schuhe auszieht“, barfuß durch den Schnee laufen etc.

Also bei mir liegt es daran, dass meine Füße keine Schuhe mögen und außerdem sie barfuß durch Schnee toll finden.

Überrascht war ich von den Feuerwehr Einsatzstiefeln, die finden meine Füße nicht so schlimm wie zuerst befürchtet, aber trotzdem sind sie froh wenn sie nach Einsatz oder Übung wieder barfuß dürfen. Ich sehe mittlerweile ein, dass manchmal Schuhe notwendig sind um z.B. nicht Scherben im Fuß zu haben oder sich auf dem heißen Boden die Füße zu verbrennen, beides noch länger unangenehm als für Moment Schuhe anziehen. Gleichzeitig frag ich mich warum man ständig Schuhe anhaben soll, ja fast muss. Das eine sind ja Gesundheits-/Sicherheitsgründe, das andere soziale.

Das Gefühl ist schwer zu beschreiben. Es ist irgendwo meist picksig oder es drückt Teile des Fußes an Stellen wo sie sonst nicht sind. Ungleichmäßig fühlt sich das an wenn Zehen schief sind oder eine Naht irgendwo drauf drückt. Ja auch Schuhe die angeblich ganz toll passen und bequem und angenehm sein sollen mögen meine Füße nicht, meine Füße merken trotzdem dass sie eingesperrt sind und nicht direkt Kontakt mit dem Boden haben dürfen. Und das merken sie die ganze Zeit. Es ist also nicht so, wie oft bei vielen nichtautistischen Personen wie ich mittlerweile erfahren habe, dass sie bei Schuhen nach kurzer Zeit gar nicht mehr merken, dass sie sie anhaben (da war ich übrigens sehr überrascht liebe nichtautistische Leser, dass das offenbar bei euch so ist, ist das wirklich so? und wenn ja bei Kleidung usw. auch?). Bei mir, und ich vermute auch bei vielen anderen Autisten, ist es so dass wir die Schuhe so lange merken bis sie wieder weg sind. Wir gewöhnen uns nicht, aber wir können lernen es eine Weile aushalten zu müssen weil notwendig um Schaden von Füßen abzuhalten der noch länger unangenehm wäre. Und es gibt Schuhe die etwas weniger unangenehm sind als andere. Barfuß ist aber am besten.

Durch einen „Fall“ den wir vor Monaten hatten in welchem einer Mutter eines autistischen Kindes geraten wurde doch Schuhe Tag und Nacht (!!) ihrem Kind anzuziehen damit es sich dran gewöhnt – nach 6 Wochen wurde das Kind aggressiv (total überraschend natürlich; der Inhalt dieser Klammer kann Zynismus enthalten). Die Mutter war sehr verzweifelt. Wir rieten ihr dann ihrem Kind zu erklären warum es manchmal Schuhe anhaben muss (z.B. um einen anderen länger unangenehmen Schaden vom Fuß fernzuhalten) und das es sonst oft auch barfuß oder wenn es kalt ist mit Socken sein darf. Sie schrieb uns nach zwei Tagen war das Thema erledigt.

Natürlich ist das nicht immer so möglich, aber manchmal, und evtl. durch Zeigen von Scherben oder Bildern oder auch Fühlen von heißem Teer etc. versuchen klar zu machen warum jetzt Schuh sein muss. Und wann immer es geht den Autisten wenn er mag ohne Schuhe sein lassen. Und wenn gesellschaftlich ein nackter Fuß nicht angebracht ist, evtl. versuchen Sie kurz an diese Zeilen zu denken, und wenigstens nur Socken anzuziehen, das geht meist besser als Schuhe, aber evtl. ist ja barfuß trotzdem häufiger ok 🙂

Flucht – Kampf – Erstarren!

Das ist in etwa das Muster, das bei meinem Sohn abläuft, wenn sich ein Overload anbahnt. Man könnte die Überschrift evtl. auch als Overload – Meltdown – Shutdown bezeichnen, dies möchte ich diesmal nicht, denn bei meinem Sohn geht es in diesen Situationen meist um Kontrollverlust und Angst, weniger um sensorische Reize.

Mein Sohn hat mittlerweile schon den Spitznamen „Mr. Kontrolletti“, da er ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis hat, um seine Ängste und Unsicherheiten unter Kontrolle zu halten. Jede Abweichung vom gewohnten Ablauf, kann bei ihm katastrophale Gefühlszustände auslösen, denn mit Abweichungen sind Veränderungen verbunden und Veränderungen machen Angst.

Ein Beispiel:

Wir haben einen sehr strukturierten Tagesablauf, in dem für ihn vorhersehbar ist, wann zu welchem Zeitpunkt was ansteht, was von ihm erwartet wird, wo es hingeht, was passiert. In diesem gut strukturierten Tagesablauf haben für ihn Ausnahmen kaum Platz. Steht jetzt z.B. ein Arztbesuch an, dann ist das für ihn die ultimative Hölle!!!

Oder aber Wege, die für ihn noch unsicher sind, können an guten Tagen gut verlaufen, an Tagen, an denen sein Stresslevel schon recht hoch ist, kann hier alles passieren (darum neue Wege nur an guten Tagen!).

Oder aber er wird wild durch gekitzelt, was er total gerne mag, und jemand erkennt nicht den Zeitpunkt, an dem es zur Überforderung für ihn wird (es geht ein kurzes Zucken durch den Körper, und ich weiß dann genau, jetzt ist Zeit zum Aufhören), kann dies auch diesen „Prozess“ in Gang setzen.

Dieser „Prozess“ hat bei meinem Sohn immer mit Angst, Unsicherheit und Kontrollverlust zu tun, ist für ihn also keine „spassige Veranstaltung“, sondern in seinem Erleben scheinbar wie „fremdgesteuert“ und außerhalb seiner Kontrolle!

 

Stufe 1: Der Fluchtmodus

Bei meinem Sohn gibt es einige Hinweise, die genau anzeigen, was als nächstes kommt:

  • Die Körperspannung verändert sich: aus einem entspannt schlendernden Kind, wird ein angespanntes Nervenbündel, der Körper wird steifer (man sieht es an seinem Gang und am zusammengepressten Kiefer).
  • Er bekommt einen nicht übersehbaren „Kontrollblick“, versucht somit die Umwelt und die Situation zu überblicken, gelingt dies nicht (was natürlich häufiger vorkommt), wird ein „verängstigter Häschenblick“ daraus (weit aufgerissene Augen).
  • Er beißt sich selbst in die Hände, haut sich auf die Hände, wirft sich auf den Boden und beißt sich in die Füße.
  • Er sucht einen Fluchtweg, jetzt sofort und auf der Stelle!!!! Flucht ist nun die einzige Möglichkeit, um „Schlimmeres“ zu vermeiden. Er rennt dabei häufig wild und „kopflos“ durch die Gegend, scheinbar orientierungslos.

Stufe 2: Der Kampfmodus

  • Nicht immer gelingt es, aus der überfordernden Situation sofort zu flüchten, kommen noch Anforderungen hinzu („bleib hier“, „nicht weglaufen“) und verhindert man somit die Flucht für ihn, geht er in den „Angriff“ über.
  • Er beißt, zwickt, schreit, schlägt um sich, niemand ist in solchen Momenten dann sicher. Hier hilft für den Moment nur: Ruhe bewahren, aufpassen, dass andere nicht zu nahe an ihn herankommen, ihm einen geschützten Raum bieten.
  • Wichtig: in solchen Momenten hilft kaum noch etwas! Das ganze „System“ ist im „Errormodus“, gesprochen Sprache scheint nicht mehr durchzudringen, Berührungen vermehren die Reize noch und verschlimmern diesen Zustand! Hier hilft nur, sich selbst und ihn zu schützen!
  • Erst dann, wenn die Situation verlassen werden kann, setzt ganz langsam eine Beruhigung ein, das angespannte Nervensystem fährt herunter.

Stufe 3: Der Erstarrungsmodus

  • Der setzt bei uns 2-mal ein: einmal, wenn er erfasst hat, dass er nicht jetzt sofort flüchten kann (aus welchen Gründen auch immer, z.B. im Krankenhaus) und er begreift, da komm ich jetzt sofort nicht raus. Dann erstarrt er völlig, ist kaum ansprechbar, erschöpft, braucht Erholung. Und die 2. Variante ist die, dass wir aus der Situation „flüchten“ konnten („komm, wir gehen schnell zum Auto, da bist du sicher und wir können nach Hause gehen“), und scheinbar zeitgleich Erleichterung und Erschöpfung einsetzen. Auch dann braucht er dringend Ruhe und keinerlei Anforderungen mehr. Etwas zum Trinken, denn er ist dann total abgekämpft, Musik, die er selbst kontrollieren kann, eine Decke, um sich einzukuscheln und sich sicher zu fühlen und eine zugewandte Bezugsperson, die versteht, dass er das nicht zum „Spaß“ oder aus Bockigkeit tut, sondern weil er in diesen Momenten nicht anders handeln kann!!!

 

Für meinen Sohn sind derzeit nur wenige Dinge wirklich hilfreich in diesen Situationen:

  • Ein Raum, in dem er alleine zur Ruhe kommen kann, aber zeitgleich die Sicherheit, dass seine Bezugsperson jederzeit für ihn da ist.
  • Eine Bezugsperson, die sicher ist, die quasi die „Kontrolle“ über die Situation hat, die ihm ja völlig entglitten ist.
  • Ein Mensch, der freundlich bleibt und ihn keinesfalls für diesen schlimmen „Nervenzusammenbruch“ straft.
  • Und im nächsten Schritt: die gleiche Situation in entspannter Gefühlslage ganz langsam nochmals „üben“, damit sich seine Angst nicht festigt und er erfahren kann, dass er diese Situation auch angstfrei erleben kann (was ein gaaaaaanz langsames Annähern – oft in vielen kleinsten Schritten, wie z.B. auch beim Einkaufen – und viel Geduld und v.a. Vertrauen bedarf).

Einkaufen oder unser Weg aus der ultimativen Katastrophe…

Einkaufen ist bei uns so ne Sache, die für meinen Sohn mal so gar nicht geht…

Nach seinem letzten heftigen Overload vor ca. 2 Jahren (eine Frau hat ihn ungefragt kräftig in den Haaren gestrubbelt!!), haben wir das Einkaufen vermieden, sind im Wechsel zum Einkaufen oder wenn er eben in der Schule ist. In den Ferien brauchte ich eine „Einkaufhilfe“, denn ein Geschäft betreten?? Völlig undenkbar!!! Schreien, toben, wild um sich beißen war der Standard und das wollte ich meinem Sohn UND mir nicht antun… hab ja auch nur Nerven und keine Drahtseile…

Jo, blödes Dilemma, wenn man doch ganz dringend mal was braucht und keiner da ist, der den Einkauf dann übernehmen kann.

Also war die Überlegung, wie wir das Einkaufen wieder so halbwegs „neutralisieren“ können.

Bei einem Spaziergang kam ich auf die Idee, bei unserem Laden, der an seinem geliebten Spazierweg liegt, Einkaufswagen schubsen zu spielen… sonntags, wenn der große Parkplatz frei war. Nach unserer Runde im Feld sind wir also auf den Parkplatz, haben nen Einkaufswagen geholt und haben dann (2 Erwachsene) ne riesen Gaudi mit Einkaufswage hin- und herschubsen gemacht und zwar so lange, bis mein Sohn drinne sitzen wollte. Das haben wir dann über mehrere Sonntage gemacht, mein Sohn wollte an dem Parkplatz schon gar nicht mehr vorbei, sondern er wollte Einkaufswagenfahren spielen… die Blicke der Vorbeikommenden muss ich hier – glaube ich – niemandem näher erläutern.

Prima, nachdem Einkaufswagenfahren total spannend war, sind wir dann mal so ganz vorsichtig mit dem Wagen in den Vorraum des Ladens gefahren… einfach mal Hallo sagen… und schnell wieder raus. Und oh Wunder! Es ist gar nix schlimmes passiert… keine Angst, keine Panik, keine Anspannung.

Tage später haben wir uns ein wenig weiter vorgewagt, aber dann schnell wieder raus. Auch diesmal ist gar nix schlimmes passiert, aber die Lichter waren doch recht spannend.

Dann wieder einige Tage später war mein Sohn schon mutiger und wollte – natürlich in Begleitung des tollen Einkaufswagen – durch das Geschäft laufen… ja, er wollte selbst durchlaufen… einmal durchlaufen auf dem kürzesten Weg und schnell wieder gehen. Man, ist ja gar nix schlimmes passiert! Noch nicht mal Aufregung!

Nachdem das so schön geklappt hat und ja gar nicht schlimm war, durfte mein Sohn sich zur Feier des Tages seine erste eigene Cola kaufen!!! Cola ist ja total toll, gibt es ja sonst zu Hause nicht einfach so… an der Kasse ein wenig nervös, aber zum guten Glück war ja der sichere Einkaufswagen dabei, in dem man das Warten ein wenig besser aushalten kann…

Nach einigen Cola-Einkäufen durfte Mama dann auch mal ne Kleinigkeit noch mitnehmen, aber schnell musste es gehen, nicht zu lange schauen, nicht zu lange stehen bleiben… aber Einkaufswagen ist ja zur Sicherheit dabei!

Mittlerweile schafft er es auch, an der Kasse kurz stehen zu bleiben und zu warten, bis wir dann dran sind, seine Cola-Flasche immer im Auge, sofort nach dem Bezahlen den 1. Schluck, dann hat Warten sich doch gleich gelohnt.

Und ja, jetzt ist es sogar so weit, dass wir an dem Laden kaum noch vorbeigehen können, denn dort gibt es ja Cola und für ne Cola ist Einkaufen dann doch nicht ganz so schlimm.

Aber bitte noch keine Großeinkäufe, denn das ist doch noch zu viel. Aber was (noch) nicht ist… Sie wissen ja, mit dem „das kann noch werden“…

 

Das Ganze hat ca. 2 Monate gedauert und wir sind immer erst dann einen Schritt weiter gegangen, wenn mein Sohn wirklich angstfrei war und von sich aus signalisiert hat, dass er weiter gehen möchte.

 

Nein = Weltuntergang??

Viele Eltern von kleinen Autisten kennen das sicherlich, dass bei einem ausgesprochenen „Nein“ die Hölle über ihnen losbricht! Ein „Nein“ kann zu Schreien, Toben, Gegenstände werfen, Beissen und zu weiß Gott was noch allem führen.

Jaja, das böse Wort „Nein“…

Dabei ist es aus autistischer Sicht recht verständlich, warum es bei einem „Nein“ zu solchen Reaktionen kommen kann. Zum einen hat der kleine Autist schon einen ganz genauen Plan im Kopf, wenn er etwas haben oder tun möchte und dieser Plan wird plötzlich von außen zunichte gemacht. Der ganz schöne Plan wird quasi von jetzt auch gleich zerstört und bei dem kleinen Autisten kann es dann zur absoluten Handlungsunfähigkeit kommen. Wenn ich das jetzt nicht machen oder haben kann, was dann?? Leere… ja, ich war auch mal klein und kenne dieses Gefühl noch allzu gut.

Oder aber dieses „nein“ könnte auch absolut und für immer gültig sein, auch das verursacht Panik, wenn man das dann evtl. niemals wieder haben oder tun kann.

Und was macht der kleine Autist, wenn er handlungsunfähig ist oder in Panik gerät? Oftmals verfällt er dann in einen Overload, weil er gerade gar nicht mit dieser Situation umgehen kann… so ist es bei meinem Sohn zumindest gewesen… und wenn der Plan dann im Kopf so übermächtig ist, dass er sich gar nicht dagegen wehren kann, folgt der Meltdown, der dann eben auch mit schreien, toben, beißen und dem vollen Programm verbunden sein kann.

Aber: manchmal ist ein „Nein“ eben unerlässlich, manchmal kann der kleine Autist seinen Plan, so schön er im Kopf auch gerade sein mag, nicht umsetzen und dann??

Wir haben 2 Strategien entwickelt, mit denen mein Sohn jetzt gut klar kommt.

I. Ein Nein muss nicht immer als nein ausgesprochen werden!

Das muss ich etwas näher erläutern. Sicher kennen Sie diese Beispiel: „Denk nicht an den rosa Elefanten!“. Na, an was denken Sie jetzt?? Genau… an den rosa Elefanten.

Wenn mein Sohn etwas NICHT tun soll, dann sage ich ihm nicht, was er nicht tun soll 😉 Ich formuliere es also positiv und sage ihm, was er stattdessen tun soll.

Ein kleines Beispiel: mein Sohn liebt Pfützen und hasst Gummistiefel wie die Pest. Bei der momentanen Wetterlage einen äußerst ungünstige Kombination. Wenn wir nun unterwegs sind, kann er mit seinen Turnschuhen (die einzigen Schuhe die er momentan anlässt) einfach nicht jede Regenpfütze austreten, ich käme mit dem Trocknen einfach nicht mehr nach. So sage ich ihm unterwegs nicht „Lauf aber nicht in die Pfützen“, denn was bei meinem Sohn da scheinbar hängen bleibt, ist „in die Pfützen laufen, coooool“. Stattdessen sage ich ihm, „Lauf bitte um die Pfütze außen rum“ und dann machen wir manchmal ein Pfützenslalomspiel daraus.

Oder aber er klettert gerne auf die Schränke. Statt ihm zu sagen, dass er das nicht tun soll, sage ich ihm, er soll bitte unten bleiben.

Das sind jetzt nur 2 Beispiele, davon gibt es noch etliche.

Der Knackpunkt an der Sache (gerade eben bei meinem Sohn) ist der, dass er durch ein „tu das nicht“ in eine Handlungsunfähigkeit geraten würde („was soll ich denn sonst machen“) oder dass er eben das „nicht“ so nebenbei einfach überhören würden.

Sage ich ihm stattdessen, was er tun soll, dann weiß er genau, was zu tun ist und er hält sich dann auch bereitwillig dran.

 

II. „Nein“ üben!

Ich konnte von meinem Sohn nicht einfach so erwarten, dass er plötzlich einfach ein „Nein“ akzeptiert und damit umgehen kann, weil ich ja auch seine Denkweise dazu nachvollziehen kann. Da ein „Nein“ aber einfach auch mal wichtig sein kann, haben wir „nein“ geübt. Jo, wie übt man denn sowas??

Sobald ich ein „Nein“ ausgesprochen habe, habe ich ihm SOFORT eine Alternative dazu angeboten, so dass er gar nicht erst in diese Handlungsunfähigkeit geraten MUSSTE.

Z.B.: Mein Sohn liebt Cola (gibt es bei uns nur sehr selten). Wenn er am Abend jetzt nach einer Cola verlangt hat, habe ich ihm gesagt, dass es Cola jetzt nicht mehr gibt („Nein“), dass er aber gerne noch einen Schluck Capri-Sonne oder Milch trinken kann. Hmmm… zwar nicht ganz das gewünschte, aber immerhin.

Oder aber er wollte mit mir Trampolin springen: „Nein, Trampolin springen möchte ich jetzt nicht, aber ich kann dich auf deiner Schaukel anschubsen“… ok, besser als gar nichts.

Oder ich sollte ihn abends noch wild durch kitzeln (kurz vorm Schlafen gehen bei uns gar keine gute Idee)… „Nein, aber ich kann noch mit dir Singen“. Jo, singen ist auch ok.

Auf diese Weise hat er gelernt, dass ein „Nein“ kein Drama ist, dass es auch alternativ etwas gibt, was auch nicht so übel ist. Und mittlerweile sucht er sich bei einem „Nein“ auch selbst eine Alternative und ist nicht mehr darauf angewiesen, dass ich ihm eine Alternative anbiete.

Um das „Nein“ nicht als absolut und endgültig und für immer für ihn stehen zu lassen, kann ich ihm mittlerweile sagen, dass das JETZT nicht geht, aber später… wenn er z.B. beim Frühstück nach Maultaschen verlangt, sage ich ihm, dass das JETZT nicht geht, dass er seine Maultaschen aber heute zum Abendessen haben kann. JETZT kann er ein Brötchen und einen Jogurt haben und damit ist die Sache dann auch erledigt.

 

Also auch ein „Nein“ kann gelernt werden, denn leider ist ein „Nein“ eben manchmal unerlässlich. Und besser ist es doch, wenn ich mit einem „Nein“ schon umgehen kann, wenn es nicht sooo wichtig ist, als dass ich plötzlich mit einem „Nein“ konfrontiert werde, wenn ich eh schon unter Stress stehe.

 

Warten will gelernt sein…

Warten ist so ne Sache, die gaaaaaaaaaanz vielen Kindern wahnsinnig schwer fällt, denn wenn man schon ganz genau weiß, was man möchte und einen genauen Plan davon im Kopf hat, dann möchte man ja sofort und auf der Stelle das Gewünschte haben!!!

Die meisten Kinder lernen das früher oder später „einfach so“, „mal so nebenbei“… zack, warten ist plötzlich ok.

Vielen kleinen Autisten fällt das um einiges schwerer, auf das „Objekt der Begierde“ zu warten, da der „Trieb nach sofortiger Wunscherfüllung“ oft sehr stark ausgeprägt ist (gerade bei meinem Sohn). Da kann warten zu einem echten Drama werden, weil die eigenen Pläne als durchkreuzt angesehen werden, Panik auftritt, denn meine Bezugsperson hat mich ja vielleicht nicht verstanden (mein Sohn spricht nicht) und eben auch das „Aufschieben“ des Wunsches auf einen späteren Zeitpunkt ist eine hohe Kunst, denn manchmal habe ich das Gefühle, dass „später“ für meinen Sohn gar nicht existiert, er lebt einfach ganz intensiv im Hier und Jetzt!

Aber: Warten ist oftmals immens wichtig und muss manchmal einfach sein. Nicht alles kann immer und sofort auf der Stelle erledigt werden und dann wird es richtig schwierig!

Also haben wir warten gelernt, geübt und immer und immer wieder praktiziert.

Begonnen haben wir mit „warten“ IMMER in Situationen, in denen er sehr entspannt war und sich sicher gefühlt hat. Unser bester „Warte-Lern-Ort“ war unser täglicher Spaziergang im Feld. Wir haben immer Brötchen und etwas zum Trinken dabei, denn ohne geht das ja mal gar nicht (in ner Stunde könnte man schon verhungern). Das habe ich einfach genutzt, um ihm das Warten näher zu bringen und ihm zu zeigen, dass Warten gar nichts Schlimmes ist, nicht böse, nicht gefährlich und dass es auch auf keinen Fall „nein“ bedeutet.

Wenn er nun „Brötchen“ gebärdet hat, habe ich im einfach JEDES MAL gesagt „warte einen Moment“, hab dann theatralisch in meiner Tasche gekramst (da kommt das gute Brötchen immer raus) und es ihm dann gegeben. „Mensch, kannst du toll warten“… Irgendwie fand er das theatralische Verhalten von Mama auch recht unterhaltsam, was Warten dann auch noch zu einer spaßigen Angelegenheit gemacht hat. Mit der Zeit habe ich diese Zeiten dann gaaaaaanz langsam ausgedehnt („Mama muss erst noch schnell die Nase putzen“) und dann hat er erst sein Brötchen bekommen. So kamen gar nicht erst die große Ungeduld und das große Drama auf, weil Warten ja zunächst ganz kurz war und warten bedeutet „Mama hat mich verstanden, ich bekomme mein Brötchen“.

Dann bin ich langsam dazu übergegangen, ihn beim Anziehen, bevor wir aus dem Haus gehen, kurz warten zu lassen. Er setzt sich immer auf die Treppe zum Schuhe anziehen –das musste natürlich SOFORT erfolgen – und ich habe dann damit begonnen, ihn zur Treppe zu schicken und dann musste Mama gerade noch schnell etwas in die Küche bringen. „Warte kurz auf der Treppe, ich komme gleich“. Das wurde dann auch immer entspannter, dann musste Mama mal noch schnell auf Toilette oder die Tasche packen oder oder oder…

Beim Einkaufen war das ein wenig dramatischer… Wenn er das geliebte „Etwas“ in Händen hält, will das auch gleich verputzt oder getrunken werden. So, ich hatte dann einfach ersatzweise noch etwas dabei, was er dann trinken oder essen durfte, aber das „geliebte Etwas“ muss ja erst bezahlt werden. Auch das klappt mittlerweile recht gut (wenn der Laden leer ist), denn das „geliebte Etwas“ gibt es ja, wenn man einen Moment darauf gewartet hat.

So, mittlerweile kann ich auch unterwegs – wenn er mal voraus rennt – rufen, dass er bitte kurz warten soll. Er bleibt dann stehen, denn warten ist jetzt ja nix schlimmes mehr und sobald Mama kommt, geht es ja weiter.

Mit der Zeit habe ich immer neue Situationen „entdeckt“, in denen wir warten kurz üben konnten. Z.B. möchte mein Sohn unbedingt und ganz schnell und sofort mit Mama Trampolin springen. Ja, gerne… aber warte einen Moment, Mama muss erst noch das und das fertig machen. Zu Anfang nur z.B. Schuhe nochmal binden oder kurz in die Wohnung laufen und wieder raus kommen und dann SOFORT zusammen springen und Spaß haben… Und natürlich kräftig loben, dass er so toll gewartet hat, bis Mama fertig war!

Zumindest kurze Wartezeiten haben wir so bereits gemeistert, das Aufschieben auf längere Zeit ist noch in weiter Ferne, aber auch das wird irgendwann kommen, wenn es denn dann soweit ist…